Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Jacob und Esau
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 399 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Jacob und Esau Gallas ein Kind adoptiert werden soll, müssen es die eigenen Eltern in den Wald führen und für tot erklären. Darauf übernehmen es die Adoptiv- Eltern mit folgender Zeremonie. Ein Ochse wird geschlachtet, sein Fell wird um den Hals des Kindes gehängt, Stücke seines Felles um die Handknöchel gelegt und mit dem Blute des getöteten Tieres die Stirne des Kindes bestrichen, sein Fleisch aber zu einem heiligen Festmahl zubereitet, das gemeinsam genossen wird. Der ursprüngliche Sinn dieser Riten tritt nicht mehr hervor, er ist wohl auch bereits vergessen, obwohl der Vorgang selbst zur Adoption unerläßlich ist Bei einem kleinen, abgelegener wohnenden Stamme der gleichen Volksfamilie hat sich aber der ursprüngliche Sinn dieses Vorgangs noch ganz klar erhalten. Er scheint eine Art Pubertätsfeier zu sein, weil der Knabe erst danach berechtigt ist, an bestimmten religiösen Festen der Erwachsenen teilzunehmen. Er wird die „Geburt aus der Ziege" genannt, soll also wohl eine Neugeburt bedeuten. Eine Ziege wird geschlachtet, von dem Ziegenfell wird ein rundes Stück auf die linke Schulter des Kindes gelegt und unter dem rechten Arm befestigt Der Magen der Ziege kommt auf die rechte Schulter und wird unter dem linken Arm befestigt Die Mutter setzt sich auf das Ziegenfell, nimmt das Kind zwischen die Beine, um Beide werden die Ziegendärme gewickelt Die Mutter muß nun stöhnen, als ob sie in den Wehen wäre, Frauen durchschneiden die Ziegendärme und das Kind muß den Schrei eines Neugeborenen nachmachen. Es wird also ein richtiger Geburtsakt gemimt, bei dem nur Frauen zugegen sein dürfen. Weshalb nun die Geburt gerade aus einer Ziege sein soll, hat besondere Gründe, die hier nicht erläutert werden können. Auch bei anderen Stämmen dieser Volksfamilie besteht bei den Mannbarkeitsfeiern der Jünglinge die geheiligte Sitte, eine Ziege zu schlachten, ihr Fleisch zu einer Festmahlzeit zuzubereiten, Stücke ihres Felles um die Handgelenke, gelegentlich auch um Schulter und Hals des jungen Mannes zu befestigen. Diese Gebräuche zusammen mit dem alten Vorrecht der Jüngstgeburt, lassen uns die Erzählung von Jacob und Esau in ihrer früheren Bedeutung besser verstehen. Die darin geschilderten Vorgänge spielen sich in der Zeit der Umwertung einer alten geheiligten Tradition ab, in der das Vorrecht der Jüngstgeburt, nach dem Tode des Vaters, Stammhalter des Geschlechts zu werden, langsam auf den Erstgeborenen überging, wo es sich bis heute erhalten hat Daß aber die Umbildung dieser Tradition starken Widerstand zu überwinden hatte, zeigt die Erzählung der BibeL Die Mutter ist die Be- 399