Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Jacob und Esau
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 401 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jacob und Esau und Denken eine sehr wichtige Wandlung vollzog, die schließlich zu dem Kampfe um das Recht der Erstgeburt führte. Dieser Kampf, diese Umwertung einer alt-eingebürgerten, religiös begründeten Tradition ergab natürlich Konflikte, die oft genug auch innerhalb der Familie zum Ausbruch kommen mußten, wenn die Ansichten der Familienmitglieder sich hier teilten. Auch hier stehen sich zwei religiös anders eingestellte Parteien gegenüber. Frauen pflegen in religiösen Dingen konservativer zu sein, so erscheint auch Rebekka als eifrige, tief überzeugte 'Bewahrerin des Althergebrachten, während es andererseits begreiflich ist, daß in einer solchen Zeit der Umwertung der Vater geneigt ist, seinen ältesten Sohn zum Stammhalter des Geschlechts und Haupt der Familie zu machen. Der älteste Sohn, der eigentliche Nutznießer dieser Umwertung, steht ihr jedoch ziemlich indifferent gegenüber, oder die alten Anschauungen sind noch so mächtig in ihm, daß ihre Nichtachtung trotz des väterlichen Wunsches sein Gewissen beunruhigt Seine Gleichgültigkeit oder der innere Zwiespalt lassen ihn daher um ein Linsengericht auf die ihn erwartenden Vorteile verzichten. Nachdem der jüngere Bruder auf diese Weise seine Einwilligung erlangt hat, führt die Mutter, die sich als Bewahrerin der geheiligten Tradition fühlt, mit ihm die alten Riten aus, deren Eindruck sich auch der Vater nicht zu entziehen vermag. Sie veranlassen ihn, das Vorrecht der Jüngstgeburt anzuerkennen und Jacob den Segen zu erteilen, der ihn zum Stammhalter und Haupt des Geschlechtes macht Die Erzählung der Bibel zeigt uns deutlich, daß der Segen Jacob nur diesen ideellen Vorteil brachte, denn es wird ausdrücklich vermerkt, daß er arm die Heimat verließ, während Esau im Besitze des ganzen Erbes blieb. Die weiteren biblischen Erzählungen zeigen uns, daß der Kampf um die Jüngstgeburt noch nicht abgeschlossen und das Recht der Erstgeburt ein halbes Jahrhundert später noch nicht selbstverständlich geworden war. Als Jacob auf dem Totenbette liegt, bringt Joseph seine beiden Knaben zu ihm, damit er sie segne und stellt den Ältesten zur rechten, den Jüngsten aber zur linken Hand des Vaters auf. Jacob legt aber seine rechte Hand nicht auf das Haupt des ältesten Knaben, sondern kreuzt seine Hände, damit die Rechte auf das Haupt des jüngsten Kindes kommt Da dieses besonders bedeutungsvoll vermerkt ist, muß sich auch mit dieser Handlung noch eine Bevorzugung verbunden haben, die auf das ursprüngliche Recht der Jüngstgeburt zurückging. 26 401