Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 398

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
Jacob und Esau
Date
1927-10-01
Page
398 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895472-2898167--02186-2898248
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Ida LubKnski Anschauung diese Vorzugsstellung geschaffen hat Ohne sie wäre es auch schwer verstandlich, daß sich die älteren Geschwister der oder dem Jüngsten untergeordnet hätten. Da dieser Vorzug der Jüngstgeburt noch heute von vielen afrikanischen und australischen Stämmen berichtet wird, dürfen wir wohl schließen, daß er in einer Frühzeit des Menschengeschlechtes allgemein verbreitet war und auch bei den jüdischen Stämmen bestanden hat Die Erzählung der Bibel, von der ich ausging, schildert uns diese Stämme als nomadisierende Hirtenvölker, bei denen der Vorzug der jüngsten Tochter nicht mehr bestanden haben kann, da bei den tierzüchtenden Völkern der Mann die Frau sehr früh aus der mutterrechtlichen Stellung drängte, weil die Tierzucht und damit die Schaffung eines wertvollen Besitzes sein unbestrittenes Vorrecht war. Setzen wir, veranlaßt durch die vielen Beispiele, welche die Geschichte und die Ethnologie bei den allerverschiedensten Völkern der Erde zeigen, auch bei den Juden einmal das Vorrecht der Jüngstgeburt voraus, so leuchtet es ein, daß dieser durch religiöse Begründung geheiligte Vorzug nicht ohne heftigen Widerstand in sein Gegenteil umzuwandeln war, daß hierbei auch die Ansichten innerhalb der Familie nicht immer übereinstimmen konnten. Während der „moderner" gerichtete Teil die neue Wertung annahm, behielt der traditionstreuere die alte Überlieferung und suchte sie mit allen Mitteln to erhalten. Von dieser Seite betrachtet gewinnt die Tat Rebekkas und ihres Sohnes ein ganz anderes Aussehen. Sie kämpfen gegen ein neues Recht, das ihrem religiösen Empfinden als Unrecht erscheinen mußte, sie fühlen sich dabei als die Bewahrer einer alten geheiligten Sitte. Daß sie diesen Kampf auch mit Hilfe der alten heiligen Riten führen, beweist die so mißverstandene und daher falsch gedeutete Handlung von der Bekleidung Jakobs mit dem Tierfell. Bei einigen nomadisierenden Hirtenstämmen Afrikas, die nicht zu den Negern gehören, eine verhältnismäßig hohe, alte Kultur besitzen, in vorgeschichtlicher Zeit wahrscheinlich mit den jüdischen Nomadenstämmen in enger Verbindung standen und manche religiösen Gebräuche wie z. B. den der Beschneidung mit ihnen gemeinsam haben, sind Sitten erhalten, die ein neues Licht auf die Bibelerzählung werfen können. Sir James Frazer hat diese Sitten gesammelt und spricht bereits die Vermutung aus, daß hier ein Zusammenhang mit der Erzählung der Bibel bestehen könnte. Diese Völker wenden bei der Adoption von Kindern und bei den Mannbarkeitsweihen der Jünglinge eigenartige Kulthandlungen an. Wenn bei den 398

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.