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Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 394

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
Heine und sein Verhältnis zu Goethe
Date
1927-10-01
Page
394 (sequence 9)
Language
German
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Fritz Friedlaender so intensiv verarbeitet hat wie in seinen Gedichten den Eindruck der Hölderlinschen Verse; denn ein Bindeglied besitzt ihre Prosa darin, daß beide als Nachfahren der romantischen Aphoristik impressionistische Psychologen sind. Ferner darf man nicht verkennen, wie in den Pariser Schriften Heines eine — mit Nietzsche zu sprechen — gewisse Entpersönlichung eintritt; an die Stelle des subjektiven Raisonnements treten allgemeine geschichtsmetaphysische und kulturphilosophische Probleme. Abgesehen davon dürfen wir nicht übersehen, wie in Heines Bemühungen, von der bloß berichtenden Prosa zur reinen Erzählungskunst fortzuschreiten, der Wille sich ausspricht, zu einer großangelegten Komposition, zu einem Kunstwerk in der Art Goethes zu gelangen: die Ansätze hierzu finden wir in den Novellenfragmenten und namentlich im „Rabbi von Bacherach", der als umfassender geschichtlicher Roman geplant war. Diese Bemühungen sind bekanntlich gescheitert; statt dessen gelangte er besonders mit der ehernen Gedrungenheit und herben Schönheit seiner späten Balladen zu der Kunst eines zur letzten Reife gediehenen Stils. Denn die Begrenzung seines Könnens ist doch nur sinnbildlich dafür, daß er auch in seiner Prosa ebenso ausschließlicher Lyriker blieb wie Kleist in der seinen ausschließlicher Dramatiker. Heine war Künstler, folglich erlebte er Goethe nicht bewußt verstandesmäßig, sondern hinter dem Geschaffenen wurde für ihn die sinnliche Nähe des Schöpfers spürbar: daher ist es vor allem die große Persönlichkeit, die ihn teils anzog, teils abstieß und schließlich durch die siegreiche Macht ihres Wesens gewann. Wir wissen, ein jeder aus eigener Erfahrung, wie sehr ein persönlicher Eindruck alle übertragenen Eindrücke hinter sich läßt: und tatsächlich erhält Heines Verhältnis zu Goethe erst durch die persönliche Begegnung einen nachdrücklichen Akzent; seitdem war die Gestalt des königlichen Greises unverlierbar seinem Gedächtnis eingeprägt Fragen wir nun zuletzt, welches Ergebnis dieses wechselseitige Verhältnis für Heine zeitigte, so kann es nicht hoch genug veranschlagt werden. Nicht nur daß ihm Goethe zu der Erkenntnis seines eigenen Wesens verhalf, er gab ihm noch mehr: nämlich den Glauben an den deutschen Menschen und an die Möglichkeit einer deutschen Kultur. Dieselbe Empfindung, die Goethe zur Flucht nach Italien veranlagte, hatte ihn nach Paris getrieben: eine erschütternde Vereinsamung, die ihn trotz lauter Erfolge daran zweifeln ließ, ob er bei der damaligen Beschaffenheit des deutschen Wesens für seinen eigentlichen Wert jemals 394

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