Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Heine und sein Verhältnis zu Goethe
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 395 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2895450-2895467-2895472-2898166--02182-2898245- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Heine und sein Verhältnis zu Goethe das Verständnis und die Liebe finden werde, deren keine schöpferische Natur entraten kann. Wie jeder große Sohn einer Nation bedurfte er der fördernden Liebe der Mutter; und wie so mancher der großen Deutschen wollte er schier verzweifeln über den Geist der Schwere, der sich im Vaterlande auf seine Organe legte. Denn es muß als eine tragische Ironie seines Lebens angesehen werden, daß eine ebenbürtige Natur wie etwa Hebbel sich ihm erst in Paris anschloß; wenn er aber nahe daran sein mochte, wie Hölderlin, Platen oder Kleist am Geiste der Heimat irre zu werden, dann richtete er wohl sein Auge auf die Gestalt Goethes, die ihm die Möglichkeit einer künftigen deutschen Kultur zu verbürgen schien. Es ist sehr bemerkenswert, daß bereits in seinen Gesprächen der Gedanke auftaucht, Goethe sei nur zufällig ein Deutscher; dasselbe hatte Nietzsche im Sinne, wenn er Goethe als den Ausnahmedeutschen bezeichnete: sie beide wollten damit sagen, daß erst eine dem Geiste Goethes entsprechende Form des deutschen Daseins die wahre deutsche Kultur darstellen werde. Heine fühlte sich aber Goethe verwandt durch den Willen, das individuelle Leben unter Einsatz seiner seelischen Energie in dieser irdischen Existenz zu verwirklichen: und wegen dieser Eigenschaft durfte ihn Nietzsche ein europäisches Ereignis nennen. 395