Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Heine und sein Verhältnis zu Goethe
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 393 (sequence 8)
- Language
- German
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Hein« und sein Verhältnis zu Goethe gleichfalls vorhandene Stoffe und Motive sorglos übernommen habe (IV, 527; VII, 429; Houben, S. 746). So oft er sich freilich die Eigenart des Goetheschen Prosastiles klar zu machen suchte, mußte ihm der Gegensatz zu seiner eigenen Prosa bewußt werden. Wahrend er auf dem Gebiete der Lyrik Goethe uneingeschränkte Verehrung widmete, wovon noch manche geistreiche Bemerkung der „Gedanken und Einfälle" zeugt, war er kein so unbedingter Bewunderer der Prosa des Meisters. Wir sahen, wie er in dem früher erwähnten Briefe an Varnhagen das Schwerfällig-Abstrakte des Goetheschen Altersstiles tadelte; und dieser Einwand wird noch in der „Einleitung zum Don Quixote" bei aller Anerkennung festgehalten (VII, 317). Trotzdem erkannte er auch auf diesem Gebiete die gewaltigen Leistungen Goethes an: wir erinnern nur daran, wie treffend er im „Werther" die leidenschaftliche Seelengeschichte, im „Wilhelm Meister" den schlechthin großen Roman und der Weisung Goethes folgend in „Dichtung und Wahrheit" das umfassende Zeitgemälde gekennzeichnet hatte. Aus einem Briefe an Lewald (25. Januar 1887) geht hervor, wie er in Goethe den Klassiker der Prosa ebenfalls zu schätzen weiß und wie er sich selbst als den Erben der großen; deutschen Stilkonvention empfindet (vergL Hirth II, i36). Freilich von dem monumentalen Wurfe einer sprachlichen Architektur, wie er sie unter Raheis Führung bei Goethe vorgefunden hatte, war der impressionistisch vibrierende Stil seiner eigenen Prosa weit entfernt Ihre subjektive Färbung besaß weder die großartige Einheitlichkeit noch die Fähigkeit, einzelne Episoden zu mächtigen Komplexen zusammenzuschließen. Hier erweist sich die Gestaltungskunst Goethes ebenso überlegen wie in dem weit größeren Formenreichtum und vor allem in der Kraft der Menschendarstellung. Freilich werden wir guttun, wenn wir den andersartigen Charakter der Heineschen Prosa nicht nur nach ästhetischen, sondern auch nach allgemein geschichtlichen Voraussetzungen erklären: in Goethes Sätzen schwingt noch das vornehme Fluidum aus den Salons der Dixhuitieme, — in Heines Sätzen stürmt dagegen das Tempo einer neuen Zeit voller sozialer Probleme und politischer Aktualitäten; in diesem Sinne ist es wohl nicht unrichtig, wenn ein moderner Romankünstler Heine als den Mann hinstellt, der vielleicht das erste moderne Deutsch geschrieben habe. Umso mehr als diese Ansicht keinen geringeren Fürsprecher hat als Friedrich Nietzsche, der im „Ecce Homo" ebenso stark wie den Lyriker Heine den Prosaisten gefeiert — und tatsächlich in seiner Schreibweise den Eindruck der Heineschen Sprache genau 393