Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 392

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
Heine und sein Verhältnis zu Goethe
Date
1927-10-01
Page
392 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895472-2898166--02179-2898242
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Fritz Friedlaender und zuweilen notwendig ist, ihn mit Goethe zu vergleichen." (Hauptströmungen VI, 7. Aufl., S. 170.) In der Tat, dies verbindet den Geist Heines mit dem Geiste des Meisters: das große Pathos der dichterischen Seele. Wir haben im naohgoetheschen Zeitalter manche reiche lyrische Begabung gehabt, aber keine, die in der Weiträumigkeit ihres Bereichs, in der Polyphonie ihrer Töne und Formen, in dem treffsicheren Takte ihres Naturgefühls und ihrer Anschauung und nicht zuletzt in der Beherrschung des Rhythmus und des Reimes Goethe so nahe käme wie Heine. Diese Tatsache zu leugnen, ist ein müßiges Spiel, umsomehr wenn dabei konfessioneller Haß dem Urteil des Kunstrichters in die Parade fährt: was in dieser Hinsicht Victor Hehn in seinen geistvollen „Gedanken über Goethe" lehrte, ist ebenso abgetan wie gar H. St Chamberlains törichtes Gerede vom Heineschen Leierkasten. Denn in letzter Instanz behält das Endurteil recht, das ein Mann fällte, der keineswegs ein enthusiastischer Verehrer, sondern ein gestrenger Kritiker war: wie meinen Scherer, der in seiner deutschen Literaturgeschichte sagt: „Und doch wird man die Namen Goethe und Heine immer nebeneinander aussprechen müssen, wenn es sich um deutsche Lyrik handelt Heine gehört zu unseren stärksten Liederdichtern; und unter denen, die nach dem Meister kommen, nimmt er als eigentümliche Kraft, als der Poet mit der lachenden Träne im Wappen, als ein Dichter, in welchem sich die Elegie mit der scherzhaften Satire vermählt und dessen Wirkung auf ganz Europa noch jetzt nicht abgeschlossen ist, vielleicht den ersten Rang ein." IL Goethe und Heine als Künstler stimmen darin überein, daß sie beide ergrimmte Feinde einer dilettantischen Kunstausübung sind. Gemeinsam ist ihnen daher auch der ungeheure Ernst, mit dem sie ihre künstlerische Arbeit verrichten, sowie der erstaunliche Fleiß, der sie im Lernen nicht ermüden läßt Freilich ist diese Gabe Heine ebenso wenig wie Goethe mühelos zuteil geworden: in seiner Frühzeit drohte ihm sogar das echt romantische Schicksal, ein Opfer einer großen, aber undisziplinierten Begabung zu werden, bis dann Rahel durch den Hinweis auf Goethe ihn zur Konzentration verpflichtete. Mit welcher Hingabe Heine dieser höhen Forderung nachkam, lassen die Aufzeichnungen Karl Hillebrands erkennen: seit Raheis Weckruf wendet er von der dichterischen Technik Goethes das Auge nicht mehr ab. So beruhigt er gewissermaßen sein künstlerisches Gewissen durch die Feststellung, daß Goethe 392

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.