Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Heine und sein Verhältnis zu Goethe
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 391 (sequence 6)
- Language
- German
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Heine und sein Verhältnis zu Goethe Sammlung, die „Neuen Gedichte" (i844), erfolgreich bemüht, aus den Erkenntnissen der Goetheschen Art die künstlerischen Schlußfolgerungen zu ziehen. Hier trifft Heines Tonfall die große lyrische Form der kleinen Lieder Goethes; er beherrscht mit souveräner Gebärde das Arsenal der metaphorischen und allegorischen Vorstellungen; wiederum rollt in dem Zyklus „Verschiedene" das Eros-Thema in unerschöpflichen Variationen an uns vorüber, während die prächtigen Zeitgedichte und die großen satirischen Epen das Niveau der plastischen Anschaulichkeit Goethes innehalten. Gewiß darf man die andersartige Atmosphäre dieser Poesie nicht außer Acht lassen: Goethes Urerlebnis deutet auf mystischen Ursprung, seine Weltfrömmigkeit, die das Göttliche im Werdenden verehrt, teilt sich daher auch seinen lyrischen Gebilden mit; Heines Urerlebnis ist dagegen humoristisch im hohen Sinne Schopenhauers: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung spiegeln sich deshalb in seinem lyrischen Stil. So verschieden demnach die Inhalte seiner Lyrik von den Goetheschen waren, durch den Wert seiner künstlerischen Arbeit trat er dennoch an die Seite des Meisters: nie kam er ihm so nahe wie in seiner lyrischen Todessymphonie, dem „Romancero" (i85i). In ihm erreicht er die höchste Stufe einer symbolischen Poesie, die den erlebten Vorgang nicht mehr nach seinem realen Sachverhalte, sondern als Gleichnis höherer Erkenntnisse und Wahrheiten deutet; in diesen grandiosen Versen schließt sich der Ring einer künstlerischen Entwicklung, denn Tragik und Komik halten sich in ihnen die Waage. In dieser letzten lyrischen Ernte sind auch die Früchte am herrlichsten gereift, die von jeher den Blüten aus dem Wundergarten der Goetheschen Lyrik am meisten nahekommen: die großen Balladen. Wie sehr Heine auch auf diesem Gebiete Goethe bewundert und ihm nachgeeifert hat, geht etwa aus der Schrift „Elementargeister" hervor, wo er die „Braut von Korinth" als eines der schönsten Gedichte Goethes bezeichnet und sogar die Quellenfrage in den Kreis seiner wissenschaftlichen Erörterung einbezieht (IV, 392). In der Balladenkunst ist er zu der synthetisch zusammenfassenden Gestaltung Goethes gelangt und hat die impressionistische Bewegtheit seiner reinen Lyrik verlassen: das Anekdotische der Handlung weist als Symbol auf ein höheres Geschehen, alles ist auf den prägnantesten Ausdruck gebracht, so daß wir sehr wohl begreifen können, wenn man neuerdings vor allem den Balladendichter Heine feiert Brandes hat in seinem Buche „Das junge Deutschland" mit Recht hervorgehoben: „Schon das gereicht Heine zur Ehre, daß es überhaupt möglich 391