Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Heine und sein Verhältnis zu Goethe
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 390 (sequence 5)
- Language
- German
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Fritz Friedlaender einen gewaltigen Natureindruck zu einem ebenso gewaltigen künstlerischen Ausdruck: indem Heine die Poesie des Meeres für die deutsche Literatur entdeckte, ging er entschieden über den Umkreis der Goetheschen Lyrik hinaus. Wenn er vorher seinen epigrammatisch knapp gefaßten Versstil an der reinen Lyrik Goethes geschult hatte, so ging er nunmehr auch darin über Goethe hinaus, daß er endgültig den Zwang der antiken Metrik bei Seite warf und zu dem eigentlich deutschen Versprinzip des freien Rhythmus zurückkehrte. Trotz ihres dithyrambischen Schwunges besitzen diese freien Rhythmen eine größere innere Geschlossenheit als das äußerlich zusammenschließende Versschema, wie es sowohl im Bereiche der antikisierenden deutschen Verskunst als auch im exotischen Formenspiel der Spätromantik anzutreffen ist: denn das Geheimnis der inneren Form verbindet Heine mit Goethe, sie beide bannen den lyrischen Gehalt gewissermaßen in eine geschlossene Form, während er bei einem höchstbegabten Romantiker wie Brentano in einer offenen Form stecken bleibt und daher trotz seiner "mächtigen Intensität sich verflüchtigt — Heine ward nicht müde, den Zauber der Goetheschen Liederkunst auf sich wirken zu lassen und in seiner Eigenart zu ergründen: gerade in seine zweite Schaffensperiode fallen hochbedeutsame Äußerungen über dieses Thema. Wie tief der Dichter den Dichter nachzuerleben weiß, erhellt die wundervolle Paraphrase aus dem Buche über die deutsche Religion und Philosophie: „Diese Goetheschen Lieder haben einen neckischen Zauber, der unbeschreibbar. Die harmonischen Verse umschlingen dein Herz wie eine zärtliche Geliebte; das Wort umarmt dich, während der Gedanke dich küßt" (IV, 274).1) Die höchsten Erhebungen des deutschen Geistes findet er daher in der Philosophie und im Liede (VI, 71); und denselben Gedankengang spinnt die „Einleitung zum Don Quichote" (1887) weiter: er vergleicht die einzelnen Völker untereinander und findet den Vorrang Deutschlands in der lyrischen Dichtung namentlich durch Goethe garantiert, weil für sein Wertempfinden neben Cervantes als dem größten Epiker und Shakespeare als dem größten Dramatiker Goethe als der größte Lyriker ebenbürtig dasteht (VII, 316). Er hält sich hierbei für besonders befugt, Goethe als den bedeutendsten Lyriker zu preisen* weil die ihm nahe stehende Kunstrichtung einen in Goethes Sinne gesunden Realismus pflege, während die ihm antipodische schwäbische Dichterschule sich kränkelnd und frömmelnd betätige: und in der Tat ist seine zweite lyrische *) Nach der Elsterschen Ausgabe zitiert. 390