Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Heine und sein Verhältnis zu Goethe
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 389 (sequence 4)
- Language
- German
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Heine und sein Verhältnis zu Goethe entspricht der ersten, die „Neuen Gedichte" aus der Pariser Periode der zweiten und der „Romancero" aus der Krankheitszeit der dritten und letzten. Es ist daher eine weitere Tragik in dem zwischen beiden Dichtern obwaltenden Verhältnis, daß Goethe nur den Heine der ersten Phase kennen lernte und bloß ihrzufolge beurteilen konnte; denn wie stetig sich Heine der Erfüllung der Goetheschen Forderung näherte, lehrt ein Blick auf seine lyrische Stilentwicklung. Der lyrische Ertrag seiner deutschen Jugendjahre, wie er in dem „Buch der Lieder" (1827) vorliegt, hat mit Goethes Lyrik vor allem ein Moment gemeinsam: auch in ihm herrscht Eros, der alles begonnen. In die Tändeleien und Drolerien des Rokoko waren zuerst Günthers naturhafte Klänge hineingebrochen, aber erst Goethe hatte der erotischen Lyrik eine von der Leidenschaft bis zur Entsagung auf- und abgleitende Skala von Tönen geschenkt, im Vergleich zu der selbst Sappho oder Petrarca arm erscheinen mochten. Während aber aus Goethe ein mächtiger Gefühlsstrom hervorquillt, der die Lust erbeutet und selbst noch im Verzicht die Miene des Siegers beibehält, ist der junge Heine der von nagenden Schmerzen zerrissene Sänger verschmähter Liebe, die er freilich mit derselben poetischen Lebenswahrheit in sich auszutragen und zu idealisieren weiß wie der siegende Meister. Der Ernst seiner Erlebnisse duldet aber genau so wenig wie bei der Goetheschen Liebeslyrik die Schranken der Standespoesie: die niedere Minne nimmt daher in seinem lyrischen Schaffen einen breiten Raum ein, denn er wußte die Schätze, die in der naiven Sinnlichkeit der Mädchen aus dem Volke lagern, ebenso gut zu würdigen wie Goethe oder Walther von der Vogelweide; es ist daher wohl kein Zufall, wenn Burdach gerade in seinem Walther-Buche Heine einen „der genialsten und ursprünglichsten Lyriker" nennt (S. 115). Goethes „Divan" hatte Heine das erhabenste Muster einer erotischen Erlebnis- und Reflexionslyrik dargeboten; er wurde außerdem sein Vorbild in der meisterhaften Kunst, Gedichte zu Zyklen und Büchern zu vereinen: um dieser Gabe willen hat ihn Brecht in seinem C. F. Meyer-Buche den großen Ordner genannt Die ersten Jugendpoesien Heines blieben allerdings in einem Punkte weit hinter der reifen Kunst Goethes zurück: ihrer impressionistischen Stimmungsmalerei gelang es nämlich nicht, entsprechend Goethes synthetischer Art Natureindrücke mit dem Ausdruck des Seelislchen symphonisch zu verbinden, weil romantische Traumtone und Phantasien noch die Klarheit des Heineschen Naturgef ühls beeinträchtigten; erst die unvergleichlichen Nordseegesänge bringen 389