Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Heine und sein Verhältnis zu Goethe
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 388 (sequence 3)
- Language
- German
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Fritz Friedlacnder wollte er damit sagen, daß er den damaligen Heine noch zu den subjektivmodernen Künstlern rechnen müsse, die im Gegensatz zu den objektivklassischen Künstlern statt der Existenz lediglich den Effekt zur Darstellung brächten. Wenn es aber dem jungen Dichter noch nicht vergönnt war, den Aufstieg von der sentimentalischen zu der naiven Poesie zu vollziehen, so lag die Ursache darin, daß zwischen Goethe und Heine die Romantik lag. Der Gegensatz zwischen der klassischen und romantischen Ästhetik tont als Echo wider in dem Gegensatz dieser beiden Persönlichkeiten, denn der einen Richtung bedeutete das absolute Kunstwerk und der anderen der autonome Künstler das letzte und höchste Ziel der Gestaltung. Es ist nun sehr bedeutsam wahrzunehmen, wie in der Brust des Dichters Heine die Goethe-sche und die romantische Kunstlehre mit einander ringen und seine Produktion mit tiefen Spuren färben: dieser Zwiespalt ist aber überraschenderweise zum vollen Glücke des Betroffenen ausgeschlagen. Als ein Erbe der zauberischen Schönheit rheinischer Romantik war der junge Dichter im deutschen Lande bekannt geworden, er wurde berühmt, als er die desiüusionierende Technik der romantischen Ironie in seinen „Reisebildern" auf die Schilderung der Wirklichkeit übertrug, indem er unter der Schutzmaske einer humoristisch-ironischen Form eine bis dahin unmögliche Kritik der öffentlichen Zustände Deutschlands begründete. Aber die hierdurch erreichte Freiheit drohte wie bei so manchem der romantischen Anreger, denen die feste Norm der klassischen Bildner fehlte, zur Willkür und Zersplitterung zu entarten: es ist daher dajs große Verdienst Rahci Varnhagens, Heine vor dem Schicksal eines Brentano bewahrt zu haben; sie öffnete ihm, wie der dankbare Schüler noch im Börne-Buche ausdrücklich bezeugt hat, die Augen für die Größe des Goetheschen Stiles und verordnete ihm dadurch ein wirksames Gegengift, denn vor den Gefahren romantischer Zersetzung bewahrte ihn nunmehr der Sinn für das Organische sowie die Idee der Plastizität Goethe hatte in seinem tiefsinnigen Aufsatz „Einfache Nachahmung der Natur, Manier, Stil" das Stufenreich der künstlerischen Gestaltung umrissen: von dem primitiven Naturalismus sollte der Weg des vollendeten Künstlers über den poetischen Realismus zu dem Gipfel der objektiv reinen Selbstdarstellung führen; allen drei Entwicklungsphasen hatte er innerhab des Gesamtverlaufs selbständige Existenzberechtigung zugesprochen. Die drei großen Gedichtsammlungen Heines entsprechen nun aber genau dieser evolution creatice: das „Buch der Lieder" aus der deutschen Jugendphase 388