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Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 387

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
Heine und sein Verhältnis zu Goethe
Date
1927-10-01
Page
387 (sequence 2)
Language
German
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FriU Friedlaender: Heine und sein Verhältnis zu Goethe Natur ihrer Erlebnisse und Erfahrungen bis zum letzten Lebensgrunde zu erschöpfen und infolgedessen auch die außermenschliche Natur in einer Weise zu beseelen, die sonst nur in der Landschaftsmalerei der großen Meister wieder anzutreffen ist Goethe gab nun dieser Naturpoesie den in seiner einfachen und künstlerisch notwendigen Art schlechthin großartigsten lyrischen Ausdruck; er wurde auch der erhabenste Lyriker eines seelisch erregten Landschaftsgefühls. Mit der Dankbarkeit und Verehrung, mit der der Nachgeborene auf die Taten der Väter blickt, begrüßte der junge Heine das Vermächtnis der Goetheschen Poesie; sie wurde neben der romantischen Poesie seine eigentliche Lehrmeisterin. In einem an Wilhelm Müller, den Dichter der Griechenlieder, gerichteten Briefe zieht er am 7. Juni 1826 die Summe seiner bisherigen poetischen Existenz: als das'erste Stadium seiner dichterischen Entwicklung führt er die Beschäftigung mit dem deutschen Volksliede an, sodann die Einweihung in die Geheimnisse der Metrik, die er A. W. Schlegel verdanke; er hält sodann unter den zeitgenössischen Lyrikern Umschau und gesteht, außer Goethe keinen so sehr zu lieben wie Wilhelm Müller. Während sein scharfes Auge an Unland und Rückert deutliche Mängel nicht übersieht, ist er in seiner echt künsterischen Selbstkritik aufrichtig genug, an seiner eigenen Produktion zu tadeln, daß sie nur in der Form volksliedhaft sei, inhaltlich aber noch der konventionellen Gesellschaft angehöre (vergl. Hirth I, 421). Hiermit hat Heine unbewußt den Gegensatz zwischen seiner Jugendlyrik und der Goetheschen Kunst formuliert: denn was er unter der Volksliederform versteht., ist nichts anderes als das, was der Gestaltungswille Goethes erstrebt und erreicht hatte, nämlich die künstlerisch absolute Objektivierung eines höchst subjektiven Erlebnisvorganges, wobei der gestaltende Künstler in dem gestalteten Kunstwerk aufgehen sollte. Wenn nun Heine mit bemerkenswerter Offenheit meinte, daß der Gehalt seiner lyrischen Empfindung noch zu sehr konventionell gebunden sei. so bedeutete dies nichts anderes, als daß es ihm noch nicht gelungen sei, wie Goethe den poetischen Gehalt aller subjektiv-persönlichen Zufälligkeiten zu entkleiden und als künstlerisch selbständigen Organismus aus dem Innenraum der Seele zu entlassen. Erst in Italien war Goethe in den Besitz dieser Meisterschaft künstlerischen Gestaltens gelangt: wenn er daher im Rückblick auf seine voritalienische Zeit und im Vollgefühl seiner neuen Errungenschaft über den Dichter Heine das Urteil fällte, sein eigenes Talent sei der Feind, der ihm am meisten zu schaffen mache, so 25* 337

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