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Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 386

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
Heine und sein Verhältnis zu Goethe
Date
1927-10-01
Page
386 (sequence 1)
Language
German
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Heine und sein Verhältnis zu Goethe1) Von Fritz Friedlaender L So stark auch die Persönlichkeit Goethes in ihrer historischen Macht zu dem jüngeren Dichter sprach, das eigentliche Geheimnis der wunderbaren Anziehungskraft, die der Meister auf ihn ausübte, lag doch vor allem darin beschlossen, daß hier ein Urlyriker zu dem anderen sprach. Die vorgoethesche Zeit hatte nur — um uns des berühmten Ausspruchs von Merck zu bedienen — das Poetische zu verwirklichen getrachtet, Goethe dagegen hatte eine neu« Formensprache geschaffen, indem es ihm gelang, das Wirkliche zu poetisieren: poetischer Gehalt, so hatte er noch als Greis erklärt, sei eben nichts anderes als Gehalt des eigenen Lebens. Auf diesem Wege hatte er die lyrische Kunst; zu einem Instrument der Selbstdarstellung des unverhüllten Ichs umgeschaffen: hierdurch ward sie eine in seinem Sinne charakteristische Kunst, weil sie innere Wärme, Seelenwärme, Mittelpunkt umfaßte. Die Innerlichkeit, mit der der Lyriker seine Empfindungszustande bis zu einem fruchtbaren Augenblick ausreifen läßt, ist aber durchaus identisch mit der exakt sinnlichen Phantasie, durch die der wissenschaftliche Forscher von dem Individuellen zu der Totalität der typischen Erscheinung emporsteigt: hierin zeigt sich eben die innere Harmonie seiner Persönlichkeit Der tiefste Zug der Epoche, erklärt Dilthey einmal in seinem Novalis-Essay, sei Naturpoesie gewesen. Man wird diesen Begriff erst richtig würdigen, wenn man ihn im weitesten Sinne faßt? und dann in einen Gegensatz zu der vorangegangenen Gesellschaf tspoesie des Barock bringt Während diese einen begrenzten Vorrat an Stoffen und Motiven in einem konventionell gebundenen Stile hinr und herwendet, weiß jene die!) Aus einer noch unveröffentlichten größeren Arbeit über „Heines Verhältnis zu Goethe". 386

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