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Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 383

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
Aufbau und Umbau
Date
1927-10-01
Page
383 (sequence 29)
Language
German
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Aufbau und Umbau Die Landzuteilung ist kein Sonderprivileg der Juden, sondern eine Maßnahme, sie der Gesamtbevölkerung gleichzustellen und ihnen Lebens- und Arbeitsmögliqhkeiten zu gewähren. Bis jetzt haben die Juden noch nicht den neunten Teil des Bodens erhalten, der auf sie entsprechend ihrem Verhältnis zur Gesamtbevölkerung entfällt In der Ukraine zum Beispiel bilden die Juden ca. 6 o/o der Gesamtbevölkerung. Das Bodenarenal der Ukraine beträgt 3i Millionen Deßjatinen. Es würden folglich auf den jüdischen Teil der Bevölkerung i 860 000 Deßjatinen entfallen. Erhalten haben sie dort bis heute kaum 200000 Deßjatinen. Was die Beziehungen der nicht jüdischen Bauern zu dem neuen jüdischen Schollenmenschen betrifft, so hatte ich auf meiner Reise Gelegenheit, den gutnachbarlichen Verkehr festzustellen. Sobald der nicht jüdische Bauer den Ernst, mit dem der jüdische Kolonist seinen Beruf ausübt, erkannt hatte, verschwand auch seine ursprüngliche Skepsis gegen diese für ihn ungewohnte Erscheinung: der Jude hinter dem Pflug. Immer mehr lernte der christliche Bauer im jüdischen Kolonisten seinen Standesgenossen erkennen, der die gleichen Freuden und die gleichen Leiden hat wie er selbst, der sich gleich ihm im Schweiße seines Angesichts abmüht und ebenfalls von den Launen der Natur abhängig ist In den Kolonien ist es mir klar geworden, daß die jüdische Kolonisation nicht nur keinen neuen Haß erzeugen, sondern vielmehr dazu beitragen wird, alte Vorurteile zu entwurzeln und normale Beziehungen zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung zu schaffen. — Aber, befürchten manche, die jüdische Massenkolonisation wirkt auf die Antisemiten aufreizend. — Vielleicht. Dagegen aber ist kein Kraut gewachsen. Die Orientierung nach dem Antisemiten führt im allgemeinen eine völlige Begriffsverwirrung herbei. Die jüdische Kolonisation, sagen sie, schaffe böses Blut bei den Feinden der Juden. Ich kenne keine jüdische Lebensäußerung, außer der Selbstentleibung, die den Antisemiten nicht kränkt Ihn reizt der Jude in der Stadt, der Kaufmann, der Bankier wahrscheinlich auch, und nun, heißt es, reizt ihn außerdem das Dorf mit werktätigen jüdischen Bauern. Angenehm berührt ihn wahrscheinlich nur eine jüdische Institution: der jüdische Friedhof. Was soll nun geschehen? Soll die jüdische Handlungsmaxime heißen: Verzicht auf alles, was den Antisemiten reizen kann? Dann muß man die Synagoge niederreißen, ein Mittel gegen jüdische Fähigkeiten ausfindig machen, gegen die unzerstörbare jüdische Vitalität, mit einem Worte — kämpfen gegen das Juden- 383

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