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Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 365

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
Aufbau und Umbau
Date
1927-10-01
Page
365 (sequence 11)
Language
German
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Aufbau und Umbau mehr und mehr die Positionen der jüdischen Masse- Trotzdem verfügten die Juden in Polen bis zum Kriege selbst auf diesen Wirtschaftsgebieten über weit größere Expansions-Möglichkeiten als heute. Hinter Kongreß-Polen stand der mächtige Riesenstaat Rußland, und hinter Galizien das damalige Reich Österreich-Ungarn. Im gegenwärtigen Moment liegen die Verhältnisse so: 1. Die Basis der polnischen Industrie und des polnischen Handels ist überhaupt enger geworden, hauptsächlich infolge der Abgeschnittenheit vom russischen Absatzgebiet (mit dem der jüdische Industrielle und Geschäftsmann eng verbunden war). 2. Im unabhängigen Polen wütet zügelloser Nationalismus auf allen Gebieten. Die innere Wirtschaftspolitik ist von der Tendenz getragen, eine „eigene polnische Bougeoisie", eine „eigene Klasse von Industriellen und Handelsleuten" zu schaffen, die das polnische Volk von ehedem niqht besaß. Diese Funktionen waren den Deutschen und den Juden überlassen. So sehen wir, daß auf der geschmälerten Basis der polnischen Wirtschaft ein erbitterter Kampf entbrannt ist, in dem der Jude unterliegen muß. Und noch eins kommt hinzu: die Regierungen der neuentstandenen oder neugeordneten Staaten sind arm und suchen daher Einnahmequellen; sie greifen zur Monopolisierung ganzer Wirtschaftszweige. In Rußland trägt die Monopol-Politik ein kommunistisches Gepräge. In Polen und in den anderen Staaten wird sie in uilverhüllt antisemitischer Richtung geführt Das Ergebnis ist für den jüdischen Händler überall, hüben wie drüben, gleich. Der Boden der alten Welt ist für ihn zu eng geworden. Und die neue Welt — Amerika — schließt sich mehr und mehr gegen ihn ab . . . Was kann da die jüdische Masse beginnen? Nichts anderes, als sich der neugeschaffenen Situation anpassen. Die neuen Verhältnisse erfordern gebieterisch Umstellung, Umbau. Und nun offenbart sich der wunderbare Lebensinstinkt, die ungebrochene Vitalität des jüdischen Menschen . . . Die oben erwähnten Faktoren (neben anderen, über die ich mich in diesem Zusammenhang nicht verbreiten kann) lösten bei der jüdischen Bevölkerung einen Drang aus nach neuen, sicheren Existenzmöglichkeiten, einen Drang nach wirtschaftlichproduktiven Beschäftigungen, nach Berufsumschichtung und Berufsumstellung. Es ist dies eine Bewegung, die in der jüdischen Geschichte fast ohne Beispiel dasteht Die vom Hunger und von blutigen Erfahrungen zerquälte Judenheit verspürte am eigenen Leibe, wie sie durch die Gewalt der geschichtlichen Ereignisse zu Handwerk und Landwirtschaft, zu 365

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