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Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 364

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
Aufbau und Umbau
Date
1927-10-01
Page
364 (sequence 10)
Language
German
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A. Singalowsky Zahl der Vermittlungsinstanzen einzuschränken. Eine besondere Verschärfung erfährt die Lage des jüdischen Kleinhandels durch das Anwachsen der Genossenschaftsbewegung im allgemeinen und durch die kommunistische Wirtschaftspolitik im besonderen. Überall in Stadt und Land entstehen Unternehmungen auf genossenschaftlicher Basis. Aus allgemeinen sozialen Gründen unterstützt und fördert die Regierung in Rußland diese Bewegung. In Polen trägt sie einen offen antisemitischen Charakter. Das Resultat ist jedoch hier wie dort gleich: der jüdische Kleinhändler wird brotlos und treibt sich wie ein Ausgestoßener auf Gottes Erde herum. In Rumänien, in Litauen und besonders in Polen (über Rußland reden wir an einer anderen Stelle) wird auch gegen den jüdischen Groß- und Mittelhandel ein hartnäckiger Krieg geführt, auf eine zwar unblutige, aber systematische und energische Weise. Wenn wir über die jüdische Lage in Polen sprechen, dürfen wir nic&t vergessen, daß: sie von jeher anormal war. Die edle Tat des polnischen Königs Kasimir, der die aus Spanien vertriebenen Juden in sein Land aufnahm, barg schon von vornherein eine große Gefahr in sich. Den Juden wurde zwar ein Nachtasyl gewährt, aber eine haltbare wirtschaftliche Basis wurde ihnen nicht gegeben. Millionen von tatenfreudigen Menschen wurden auf ein einziges Gebiet ohne sichere wirtschaftliche Grundlage zusammengepfercht Während den vom gleichen König Kasimir nach Polen gerufenen Deutschen eine landwirtschaftliche Aufbaumission zugewiesen wurde, und die daher mit der Scholle, die sie noch heute bebauen, rasch verwachsen konnten, betraute man die Juden mit der Aufgabe, den Handel zu beleben und Verbindungen zwischen Ost und West herzustellen; man übertrug ihnen ferner die traurige Funktion, Geld herbeizuschaffen für den polnischen Adel. Dadurch wurde den Juden die Möglichkeit genommen sich einen festen Boden für ihre eigene Zukunft zu schaffen. Bei den primitiven wirtschaftlichen Verhältnissen, die bis in das XIX. Jahrhundert hinein herrschten, konnte der Jude sich noch schlecht und recht bei dieser wirtschaftlichen Betätigung behaupten. Die primitiven Wirtschaftsformen, das Fehlen von Eisenbahnen und anderen modernen Verkehrsmitteln, begünstigten die Rolle des jüdischen Kleinhändlers, Krämers und Marktmenschen als Vermittler zwischen Produzenten und Konsumenten, zwischen Stadtu nd Land. Doch bereits im XIX. Jahrhundert bedrohten und erschütterten die großen Umwälzungen im Wirtschaftsleben der Neuzeit 364

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