Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Aufbau und Umbau
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 360 (sequence 6)
- Language
- German
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A. Singalowsky sich mehr und mehr zu verengen und zwar in einem sehr schnellen Tempo. Vor dem jüdischen Stadtchen, das beinah mehr Krämer als Käufer hat, erscheint die neue Zeit mit moderner Industrie und kapitalistischer Wirtschaftsform. Eine chronische Krise beginnt Die Verarmung wächst Die Juden sind meist nur auf sich angewiesen und gezwungen, voneinander zu leben. Das Städtchen mit seinen mittelalterlichen Lebensformen wird von den neuen gewaltigen Veränderungen, die in der nicht jüdischen Umgebung vor sich gehen, arg bedroht Es bricht die Zeit der sechziger Jahre an, die in Rußland als die Epoche der Großen Reformen bekannt ist Mit der Abschaffung der Leibeigenschaft verschwinden mehr oder weniger die patriarchalischen Verhältnisse auf dem Lande. Der Kapitalismus hält seinen Einzug. Auf Kosten der Kleinstadt beginnt zunächst die mittlere Stadt und dann auch die Großstadt zu wachsen. Bei der nicht jüdischen Bevölkerung ersteht langsam eine eigene Klasse der Händler. So unterwühlte der nach dem Osten Europas vordringende Prozeß kapitalistischer Entwicklung das auf abgelebte patriarchalische Lebensformen zugeschnittene jüdische Wirtschaftssystem völlig. Der Kleinhändler, der Ladenbesitzer und der Vermittler, die die überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung darstellten, fühlten den Boden unter ihren Füßen wanken. Durch Entrechtung und vielfache Verfolgungen erfuhr dieser Prozeß eine besondere Verschärfung und Beschleunigung. Wo konnten die Massen einen Ausweg finden aus dieser kritischen Lage? Der Übergang zum Groß- und Mittelhandel und zu den verschiedenen sogenannten liberalen Berufen war nur einem geringen Teil möglich. Für die Millionenmasse war nur ein Weg offen: der Übergang zu produktiver Arbeit So wurde für das osteuropäische Judentum das Problem der sozialökonomischen Umschichtung zur eigentlichen Lebensfrage. Doch der Drang der jüdischen Massen zu gesünderen Lebensformen auf der Grundlage produktiver Arbeit stieß im alten Rußland auf zahlreiche Hindernisse rechtlicher Art (Es sei nur an das „Ansiedlungsrayon" und an das Verbot der Niederlassung auf dem Lande erinnert) Ein gewisser Ausweg wurde zum Teil in der Massenauswanderung gefunden. Von 1880 bis zum Ausbruch des Weltkrieges wanderten nahezu zwei Millionen Juden aus Rußland aus. Diese Emigration trug keinen Übergangscharakter, wie etwa die italienische oder skandinavische. Der Prozentsatz der. Rückwanderer war sehr gering. Die Auswanderungsbewegung bildete den elementaren Ausdruck des Massenstrebens nach neuer produktiver Lebens- 360