Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 359

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
Aufbau und Umbau
Date
1927-10-01
Page
359 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895472-2898165--02145-2898209
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Aufbau und Umbau Die Aufgabe der Berufsumschichtung wird in der napoleonischen Epoche den jüdischen Gemeinschaften direkt zur Pflicht gemacht In dem synagogalen Reglement des französisch-jüdischen Konsistoriums von 1808 findet sich ein Paragraph, der den schärfsten Nachdruck legt auf die Anleitung der Juden zu werktätiger Arbeit, zum Handwerk und zur Landwirtschaft und sie allen jüdischen Gemeinden auf das Dringendste empfiehlt Die jüdische Renaissance, ein Ausdruck, den man zu jener Zeit mit Vorliebe gebrauchte, war mit der Aufgabe der Berufsumschichtung eng verknüpft Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze judenfreundliche Literatur, die in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts in Deutschland entstand. Zu einer klaren Begründung gelangt diese Idee allerdings erst im Programm des im November 1819 zu Berlin gegründeten „Vereins für Kultur und Wissenschaft des Judentums". In edler Begeisterung predigten die Ideologen dieses Vereins, zu denen Männer wie Ganz, Zuntz, Moser und Heinrich Heine zählten, die bisherige Lebensgestaltung des Judentums durch Heranziehung der Jugend zu Gewerbe, Landwirtschaft und den Künsten umzugestalten. Ähnlichem begegnen wir später im östlichen Europa, wo die neue Zeit bereits vor jüdischen Gemeinschaften steht, die Millionen umfassen, und wo der sozialwirtschaftliche Umbau zu einer Lebensnotwendigkeit von zentraler Bedeutung wird, die jede günstige Gelegenheit ausnutzend, sich zum Unterschiede vom Westen mit elementarer Gewalt durchsetzt II. Mit einer traurigen Erbschaft traten die osteuropäischen Juden in die neue Zeit ein... Ja, diese „neue Zeit" begann bei uns im Osten viel später als bei den übrigen Völkern. Länger als im Abendlande dauerte bei uns das Mittelalter. Noch vor 70—80 Jahren unterschied sich das jüdische Wirtschaftsleben in den. slawischen Ländern fast in keiner Weise vom Ghettodasein im dunkelsten Mittelalter. Das jüdische Leben spielte sich vornehmlich in den Kleinstädten ab. Tausch-, Handel- und Schankwirtschaft, Kleinkrämerei und Hausiererwesen bildeten die hauptsächlichen jüdischen Beschäftigungen. Um die zweite Hälfte des XIX. Jahrhunderts beginnt der Kreis der jüdischen Berufsmöglichkeiten 359

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.