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Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 357

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
Aufbau und Umbau
Date
1927-10-01
Page
357 (sequence 3)
Language
German
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Aufbau und Umbau die christlichen Handwerker-Zünfte sich konsolidierten und die jüdischen Handwerker und Gewerbetreibenden aus ihrer Mitte verdrängten. Im XIII. Jahrhundert waren in dieser Hinsicht bereits derartig unerträgliche Zustände geschaffen, daß die Juden gezwungen waren, sich fast ausschließlich Geldgeschäften und allerhand Vermittlungen zuzuwenden. So gelang es der Umwelt die jüdische wirtschaftliche Struktur in grausamer Weise zu verkrüppeln und cfiese Verkrüppelung wiederum auszunutzen als eine Rechtfertigimg für weitere Ungerechtigkeiten... . Die zunehmende Einschränkung der den Juden freigegebenen Berufe, die Einsperrung in physische und wirtschaftliche Ghettomauern und die daran sich knüpfenden Verfolgungen — dies alles bewirkte, daß die Juden langsam vom Westen abzuwandern und sich immer mehr im östlichen Europa zu konzentrieren begannen. Mit dem Anbruch der neuen Zeit — genauer gesprochen, um die Zeit der franzosischen Revolution, als zum erstenmal die Gedanken der Judenemanzipation zum Durchbruch kamen, begannen die inneren Widersprüche des jüdischen Lebens deutlich hervorzutreten, Ungereimtheit und Widersinnigkeit seiner wirtschaftlichen Struktur — das traurige Erbe des Ghetto. Und zu jener Zeit taucht auch der Gedanke eines sozialwirtschaftlichen Umbajues der Judenheit auf. Hie und da treten fortschrittlich gesinnte Staatsmänner, die das Überwiegen der Juden in den Vermittlerberufen für staatspolitisch schädlich und für die Gesamtheit der Juden ungünstig finden, mit dem Plane hervor, die diese von der einseitigen Vermittlerfunktion loszulösen und. ihnen alle anderen Existenzmöglichkeiten zu eröffnen, vor allem die Möglichkeit gewerblicher und landwirtschaftlicher Betätigung. Zu gleicher Zeit werden innerhalb der jüdischen Gemeinschaft selbst deutliche Anzeichen von Befreiungs-Prozessen erkennbar. Das Volk des Ghetto beginnt seinea Platz unter den Völkern zu suchen. Wie nach einer langen Ohnmacht macht sich ein jüdisches Bewußtsein, verkörpert in der zu geistigem und materiellem Schaffen stürmisch drängenden Intelligenz geltend, in ihrem Kampfe um Gleichberechtigung, in ihrem Streben, die schöpferischen Volkskräfte zu fördern, stieß diese Intelligenz an die engen Schranken der jüdischen Wirtschaftsstruktur.... Wie sah denn das Häuflein von Juden aus, das damals, nach den Verfolgungen des langen, ewiglangen Mittelalters im westlichen Europa übriggeblieben war? Es war zum größten Teil eine niedergeschlagene und verarmte, nicht nur von produktiver Arbeit, sondern auch von jedem mehr oder minder 357

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