Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Aufbau und Umbau
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 356 (sequence 2)
- Language
- German
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A. Singalowsky letzten Periode, — durch Krieg, Revolutionen, judenfeindlichen Nationalismus in dem einen Lande und kommunistische Wirtschaftspolitik in dem anderen — bedingt worden- Will man jedoch verstehen, warum Ursachen allgemeiner Natur sich im Leben der jüdischen Bevölkerung anders als in dem der nichtjüdischen ausgewirkt haben, will man den spezifischen Charakter des jüdischen Zusammenbruchs und die spezifische Form-Gestaltung des jüdischen Wiederaufbaues verstehen, so genügt es nicht, die Erscheinungen der Gegenwart festzustellen, sondern man muß auch deren tiefere historische Ursachen untersuchen. Eine derartige Untersuchung führt notgedrungen zu der Erkenntnis, daß bereits die früheren Epochen der jüdischen Geschichte die Vorbedingung für die gegenwärtigen Vorgange im Judentum in sich trugen, und daß die heutigen eigenartigen Probleme des Aufbaues und des Umbaues schließlich mit der im spatmittelalterlichen Ghetto entstandenen und längst unhaltbar gewordenen Berufsgliederung der Juden ursächlich zusammenhängen. L Sonderfunktionen auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens, Erstarrung und Isolierung auf geistigem Gebiete — dies waren die traurigen Merkmale des jüdischen Lebens im finsteren Mittelalter. Im Laufe langer Zeitabschnitte befaßten sich die Juden vorwiegend mit Tausch- und Vermittlergeschäften. Von der Scholle entfernt und im Handwerk nur spärlich vertreten — mußten die Juden dahin gelangen, daß sie der anderen Welt gegenüber nicht nur als eine ethnische und religiöse, sondern auch als eine soziale, eine Art Klasseneinheit auftraten. Dabei gilt es allerdings zu bedenken, daß diese jüdische Lebensweise sich ausschließlich unter dem Drucke äußerer Umstände so gestaltete. Nicht aus eigenem Antrieb und wahrscheinlich auch nicht leichten Herzens hatten sich die Juden von der Scholle losgelöst Wir wissen, daß sie noch im IV. und V. Jahrhundert in Babylonien und, was besonders bemerkenswert ist, auf der Pyrenäischen Halbinsel und in Frankreich sich mit Vorliebe der Landwirtschaft widmeten. Erst unter dem Druck und auf Betreiben des Klerus wurden sie von der Landwirtschaft abgedrängt Ähnlich erging es den Juden der westeuropäischen Länder in einer späteren Periode auf dem Gebiete des Handwerks. Während ihnen der Zutritt zur Landwirtschaft ziemlich versperrt blieb, bot sich ihnen anfangs noch Gelegenheit, sich in Handwerk und Gewerbe zu betätigen. Im XI. Jahrhundert aber begann man auch dieses Gebiet ihnen streitig zu machen — in dem Augenblick, als 356