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Der Morgen · 1927-08-01 · Heft 3 (August 1927) · p. 346

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 3 (August 1927)
Article
[Rezension]
Date
1927-08-01
Page
346 (sequence 3)
Language
German
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Anzeigen daß er Jude ist, keine Religion habe, Jesus liebe und nicht wisse, wo aus und ein. Der junge Priester, der ihn erst garnicht anhören will, gibt ihm schließlich die Worte mit auf den Weg: „Wenn unser guter Heiland den Juden verziehen, wenn er sie seit so vielen Jahren wie durch ein Wunder erhalten hat, glaubet Du, daß er es nur getan, um sie zu züchtigen? .... Sei ein Jude, mein Kind, sei ein Jude!" (p. 77/78.) Aber wie das? Er sucht in der großen Bibliothek "des Vaters ein „jüdisches Evangelium", eine Bibel. Er irrt die vielen Regale ^entlang, findet die Klassiker aller Kulturen, Reihen naturwissenschaftlicher und philosophischer Werke, sieht polnische, französische, deutsche, ägyptische Geschichte, schaut Bücher über Feuer und Wasser, Berge und Meere, über Konfuzianismus und Mohammedanismus, über das Christentum, über die Lappländer, über die Neger. Über die Juden: Nichts. „Und Papa ist Jude S" Da kommt 'die Hochzeit des Onkel Jakob. Zum ersten Male betritt er die Synagoge. „Das Hebräische existiert noch, und ich habe es nicht gewußt!" Er hört und schaut Dinge, die er nicht geahnt. Er hört von der Bar Mitzwoh. Er will seine Bar Mitzwoh machen, eröffnet es Papa und Mama, die das schwere Wort kaum aussprechen können, die ihn hänseln, weil er diesem Mystizismus verfällt, doch schließlich sagt Papa Ja. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht: „Du bist intelligent. Ich bin beruhigt. Die Sehnsucht nach dem Ghetto wird Dir schon vergehen!" Einem neuen Klassengenossen, der sich Jude aus Palästina nennt, eröffnet er sein Vorhaben. Der aber meint, das Judentum sei keine Religion, das sei ein Vaterland, das sei Palästina. Claude aber sagt, er sei Franzose. „Dann bist Du kein Jude, bist Israelit." Wir bauen Schulen, legen Sümpfe trocken, wir bauen Straßen und pflanzen Wein. Und Gott? fragt Claude. Gott? Wir unternehmen nichts gegen Gott. Lucien faßt diese ihm neuen Erkenntnisse grübelnd in seiner Verzweiflung zusammen: „Hier bin ich geboren I .. . . Der Vater meines Großvaters war zu Zeiten von Louis Philippe Tuchhändler..... Der Vater meines Vaters war Gambettas Freund. Und mein Vater hat vier Jahre wie ein Held gekämpft. Und das alles, damit Jerusalem meine Heimat werde? Ein Vaterland habe ich. Was mir not tut, ist ein Gott." Nun tritt der Religionslehrer auf, der ihn zur Bar Mitzwoh vorbereiten soll. Das Zerrbild des Lehrers, im verschlissenen und fleckigen Rock, mit rundem Rücken und ungepflegtem Äußern, der nun dem 15jährigen forschenden, suchenden Menschen auf all sein Fragen und Drängen immer nur wieder antwortet: Lern die Parsche — alles andre geht Dich nichts an! — Und wiederum klebt er in seiner Verzweiflung Marken ein. Am Sabbat geht er mit Lehrer Lobmann, der heute festtäglich gekleidet ist, und von dem heute ein inneres Leuchten ausgeht, zur Synagoge; er ist ergriffen von den Gebeten, vom Schema, Isroel, vom Gottesdienst. Der Rabbiner beantwortet all sein drängendes Fragen mit der Überreichung eines Buches — die Bibel! Zum ersten Male leuchten ihm die Bilder der Bibel auf. Er liest Tag und Nacht. Edelstes und Bestes bricht in ihm auf. „Und ich kniete vor Jesus! Und ich bewunderte das Gesetz der Pfadfinder! Und ich las Jules Verne und Cornelius Nepos?" Es främt ihn, daß er niemals im Vaterhaus die abbatlichter sah, niemals von seinem Vater gesegnet wurde, niemals die Weihe des Festesglanzes erbebend empfand. „Papa, Papa, was hast du mich gelehrt!" Er besucht das Ghetto im grellen Tageslicht — er sieht den Lichterglanz dort über verklärten Feßtesgestalten. Er steht draußen, abseits, allein und fremd und verlassen, von Zweifeln geplagt, von Grübeln zerwühlt, seinen Eltern und Freunden entfremdet, bis er sich durchringt. „Ich will ein Jude sein! Ich will sie an ihren Messias erinnern, an den Messias des Friedens und der Gerechtigkeit, damit ihre Religion die Religion des Messias sei.. . ." Mit fünfzehn Jahren ein kleiner Prophet! — Die französische Ausgabe hat der deutschen natürlich die Ursprünglichkeit voraus. Die deutsche Übersetzung ist zwar recht gut und treffend — ich hätte nur gewünscht, daß die Sprache des Lehrers Lobmann in etwas reinerem Deutsch wiedergegeben wäre. In der französischen Ausgabe sind einzelne typischen Worte und Ausdrücke in jiddischer Sprache zwar, doch sonst hält sich die französische Sprache vom Mauscheln fem. Hätte man das nicht auch im deutschen Text erreichen können? Keiner wird das Buch ohne innere Ergriffenheit lesen. Wie manchem werden Erinnerungen aus der eigenen Jugend aufsteigen, die dem Kinde alle „Konflikte" fernhalten wollte und es 346

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