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Der Morgen · 1927-08-01 · Heft 3 (August 1927) · p. 345

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 3 (August 1927)
Article
[Rezension]
Date
1927-08-01
Page
345 (sequence 2)
Language
German
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Anzeigen Welche Tragik liegt in diesen Worten 1 Was mag in dem armen kleinen Köpfchen vorgehen! Welche Vorstellungen von Judentum und Christentum! Weiß das Kind, warum es Jude ist, was das bedeutet? Sollen wir seinen fragenden Augen, seinen fragenden Worten ausweichen, sollen wir denken und sagen: „Später mein Kind, das verstehst Du noch nicht; dafür bist Du noch zu jungl" Sollen wir die vermeintliche Harmlosigkeit, die Unberührtheit der Kindesseele schonen? Sollen wir ihm seine „Unbefangenheit" im Verkehr mit Andersgläubigen nehmen? Sollen wir unseren Kindern, wie man es so oft hört, diese „Konflikte" fernhalten? Wohin es führt, wenn man Kinder „jenseits aller Konflikte" aufwachsen lassen will, das zeigt uns das Buch von Edmond Fleg „Ein kleiner Prophet". Die Tragik und innere Zerrissenheit, unter der diese Kindesseele von ihrem fünften bis fünfzehnten Jahre steht, wird hier in ergreifenden Tagebuchblättern und Selbstbekenntnissen offenbart. Claude hört schon mit fünf Jahren das Wort „Jude", ohne es zu verstehen; er fragt und forscht, jeder weicht ihm aus — keiner steht ihm Rede. Seine gleichaltrige katholische Freundin Marietta, mit der er unter den Türmen von Notre Dame seine Kinderjahic verlebt, verspielt, verplaudert — mit ihr wälzt er all die Fragen seines bedrückten Herzens durch. „Mein Beichtvater hilft mir." — Und aus Claudes Mund ringt sich in bangen Nächten des Grübelns die Frage: „Aber wer hilft mir nachdenken?" „Ich habe immer Angst, daß 'man „Jude" vor mir sagen könnte. Niemand sagt dieses Wort, wenn ich dabei bin, und trotzdem habe ich Angst, daß man es sagen könnte.....Meine Mitschüler während der Pause.....Und in den Ferien, im Hotel, wenn ich mit Buben spiele, die mich nicht kennen; ich glaube immer, daß sie daran denken 1" .... „Jude!" „Was heißt das?" Er hat einmal in der Schule von den Hebräern in einem ganz kurzen Kapitel im Geschichtsunterricht gehört — es war sehr viel kürzer als das über die Ägypter und Assyrer. Er liest die Überschriften der Zeitungen: „Die Juden und der Bolschewismus" .... „Amerika den Juden ausgeliefert" ----„Frankreich von den Juden verraten". Aus diesen Zeitungsköpfen schließt er: „Also Papa, der Kriegsfreiwilliger war, der, allen Stabsärzten zum Trotz mit seinem Lungenschuß und seinen gebrochenen Rippen an die Front zurückgekehrt ist — er hätte Frankreich verraten?" Er forscht und grübelt weiter. Die Eltern reden und erklären das letzte Strawinsky-Quartett, Drahtlose Telegraphie — von allem ist die Rede, was zur Bildung des Tages gehört r— aber er wagt nicht zu fragen, was ein Jude ist. Endlich einmal ist ihm die Gelegenheit günstig. Man spricht bei Tisch von einer Trauung in der Familie, die, weil der Großpapa Kahn „Wert darauf legt", in der Synagoge vollzogen werden soll. Und Claude soll Brautführer sein. Endlich das Stichwort! Marietta, seine einzige Freundin, hat ihm kürzlich eröffnet, sie könnten sich des verschiedenen Glaubens wegen nicht heiraten. Er fragt, ob Juden und Christen sich nicht heiraten können. Die ersehnte elterliche Antwort? „i. heißt es nicht Juden', sondern .Israeliten* und 2. leben wir nicht mehr im Mittelalter. Es gibt keine Juden, es gibt keine Christen mehr: Es gibt nur noch Menschen ... " Marietta, der er allein sein Suchen und Bangen seine religiösen Zweifel offenbart, rät ihm schließlich, Christ zu werden, damit sie sich heiraten können. Sie sendet ihm heimlich das Neue Testament. Er liest — Nächte hindurch. Wie er liest und glaubt! Liest und zweifelt 1 Liest und bangt! Bangt vor der Geschichte der Kreuzigung 1 Er liest dennoch zu Ende und ist voll tiefer Scham, dieses Schandmal ewig mit sich herumtragen zu müssen. „Sein Blut auf mir! Wie soll ich sein Blut verbergen?" Wie soll er aus dem Druck und der Bangigkeit herausfinden? Er sortiert und klebt tage- und nächtelang aus Verzweiflung Briefmarken ein, um auf andre Gedanken zu kommen. Niemanden, mit dem er sich besprechen, den er befragen kann! — Da tritt ein Neuer in seinen Lebenskreis: Marnier, der protestantische Klassengenosse, wird ihm Freund und nimmt ihn in die Vereinigung der Pfadfinder auf. Dennoch irrt und sucht er weiter. Er kniet ergriffen neben Marietta im Dom, bis das: Ecce Corpus___. Ecce Sanguis .... ihn aufmerken läßt, bis ihm Kerzen und strahlende Weihe erlöschen: „Was ist ein Gott, den man ißt? Was ist ein Gott, den man trinkt?" Er forscht und grübelt, — ist seinen Altersgenossen an geistiger Reife weit voraus. Eines Tages treibt es ihn in den Beichtstuhl; er kniet nieder, bekennt, 345

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