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Der Morgen · 1927-08-01 · Heft 3 (August 1927) · p. 320

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 3 (August 1927)
Article
Das Irrationale im Antisemitismus
Date
1927-08-01
Page
320 (sequence 8)
Language
German
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Felix Goldmann keit des Juden mit jener Hochachtung fest, die ein Kulturvolk jeder ehrlichen Überzeugung in seiner Mitte zollt, in Polen verachtet man den Juden als ein Wesen minderen Wertes und minderer Geltung, was auf seinen Mangel an kultureller Anpassung und an gleichen Rechten zurückgeht In Deutschland, wo die völlige Rechtseinfügung im Werden ist, gibt es keine Einheit der Empfindungen! Eigentliche Verachtung findet sich nicht, sondern im Antisemitismus eint sich das Gefühl der Abneigung gegen alles Fremde oder als fremd Empfundene mit Mißtrauen und stellenweise einer leisen Furcht Es ist aber nach den Lehren der Geschichte ganz fraglos, daß mit fortschreitender Gleichberechtigung die Gefühle der Polen und der Deutschen sich wandeln werden. Wenn man dazu noch bedenkt, daß der allgemein eingetretene Umschwung in der Bewertung der Religion für das Kulturleben im Antisemitismus sich dahin ausgewirkt hat, daß das religiöse Gefühl fast ganz ausgeschaltet worden ist, wird man nicht mehr daran zweifeln, daß Gefühle auf rationaler Grundlage entstehen und wachsen, und daß sie daher durch zielbewußtes menschliches Arbeiten zu beeinflussen sind. Das wichtigste Mittel, um die judenfeindlichen Gefühle zu beeinflussen, ist die Aufklarung. Sie ist es auch, die von nationaljüdischer Seite bespöttelt und verworfen wird, da man eben angeblich mit den Mitteln des Rationalismus irrationale seelische Regungen nicht ändern oder gar vernichten könne. Nach dem Ergebnis unserer Untersuchung ist eine solche Einwirkung wohl möglich, darum aber auch notwendig. Wer freilich schnelle Erfolge sehen will, wem die Überwindung des Judenhasses eine politische Aufgabe des Tages ist, der wird die Aufklärung verwerfen. Denn sie ist eine Arbeit auf unendlich lange Sicht, und kaum je wird ein Geschlecht die Ernte erleben, die aus der eigenen Aussaat erwächst Die kurzsichtigen Politiker, denen nur das Greifbare wahrer Erfolg ist, werden die Aufklärungsarbeit darum für eine Vergeudung von Zeit und Kraft halten, weil es für das Individuum vielleicht der Arbeit eines Menschenalters bedarf, bis eine auch nur geringe Wandlung der Gefühlswelt den Erfolg der Einwirkung verrät Die zähe Konsequenz, die unerschütterliche Wahrheitsliebe, der Verzicht auf schnelles und sichtbares Erreichen eines Endzieles sind gewiß nicht jedermanns Sache, und Aufklärung, die wirkliche Erziehung der Gefühle sein will, heischt solche Taktik. Sie stellt aber die einzige Form der Bekämpfung dar, deren mögliche Erfolge der Tiefe der Erscheinungen entsprechen. Und nur systematische, nimmer ermüdende Aufklärung über Wesen und Geschichte 320

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