Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Das Irrationale im Antisemitismus
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 321 (sequence 9)
- Language
- German
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Das Irrationale im Antisemitismus des Judentums und der Juden ist imstande zu erweisen, daß judenfeindliche Gefühle nicht in das Gebiet des Irrationalen gehören! Es ist hier nicht der Ort, von der Technik der Aufklärung zu reden. Nur das eine sei bemerkt, daß sie formell, weil ihr alle Angriffsabsichten fernliegen, und weil sie, fernab von aller Apologetik, nur schildern will, was ist, die vornehmste Art der Bekämpfung bedeutet, und daß sie trotz der Langsamkeit ihrer Auswirkung am intensivsten arbeitet, weil sie keine symptomatische sondern eine radikale Heilmethode darstellt Sie ist aber überhaupt mehr als ein Hilfsmittel im Ringen um Gleichberechtigung, im Streben nach Verständigung und würdigem Frieden. Sie ist der reine Ausdruck der religiösen Anschauung des Judentums, das an den Sieg der Vernunft glaubt und in selbstverständlicher Folgerichtigkeit alles tut, um Wahrheit und Licht zu verbreiten. Das Zugeständnis, daß judenfeindliche Gesinnung als ein in der Weltordnung gegebener und notwendiger Wert zu betrachten sei, daß man in Fragen der Sittlichkeit mit irrationalen Faktoren zu rechnen habe, würde der jüdischen Auffassung von der Ethik glatt widersprechen. Es ist ein eigentümliches, fast tragisches Schicksal des Judentums, daß eine Erscheinung wie der Antisemitismus, der mit positivem Judentum ja nicht das geringste zu tun hat und lediglich eine Form der Auseinandersetzung mit der Welt darstellt, im jüdischen Denken eine so große Rolle spielt, von seiner Arbeitskraft und seinen Mitteln einen so unverhältnismäßig großen Teil in Anspruch nimmt Er schädigt die jüdische Gemeinschaft in jeder Beziehung. Abgesehen von den positiven Einwirkungen durch Rechtsbeugung, Boykott und sonstige persönliche Schädigung lenkt er die Aufmerksamkeit von den eigentlichen Aufgaben ab, die demnach vernachlässigt werden, er drückt aller und jeder Arbeit den Stempel des Kampfes auf und schafft so eine Stimmung, die auf den Geist der inneren Arbeit ungünstig wirkt Und selbst dort, wo oberflächliche Betrachtung und Wertung ihn darum für nützlich hält, weil er viele gleichgiltige Elemente zur Selbstbesinnung gebracht hat und den Zusammenhalt festigt, bedeutet er einen Schaden, weil es wenig Sinn hat eine geistige jund sittliche Gemeinschaft auf anderem Wege an Zahl zu mehren als aus der Kraft innerster Überzeugung. Alle diese Nachteile berühren aber nur die Juden- Ii eit! Das Judentum treffen sie gar nicht oder nur indirekt Ein gewaltiger wirklicher Schade wäre es dagegen, wenn der Antisemitismus das klare Wollen der jüdischen Weltanschauung zu verdunkeln verstünde, wenn er die 21 321