Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Das Irrationale im Antisemitismus
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 319 (sequence 7)
- Language
- German
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Das Irrationale im Antisemitismus serer Kritik nicht zu erfassen sein, aber vorhanden ist sie ebenso gewiß, wie in der Entwicklung des Tierreichs die Veränderung der Arten auf einen Wandel in der Natur des Einzelexemplars zurückgehen muß. Das Irrationale in den Gefühlen ist demnach, wenn man es genau nimmt, nicht einmal relativ, sondern nur scheinbarl In ihrer Anwendung auf den Antisemitismus bedeuten diese Gedankengänge nun, daß auch judenfeindliche Gefühle nicht einmal relativ irrational sind, sondern daß sie sich nur so darstellen. Der Menschheit sind die judenfeindlichen Gefühle lediglich anerzogen worden und demgemäß muß Beeinflussung sie wieder zum Schwinden bringen. Im einzelnen Menschen sind sie natürlich — und das umsomehr, je weniger er historisch zu denken und zu empfinden vermag — viel inniger mit seinem Wesen verbunden, viel schwerer zu ändern, und so wird bei ihm das Resultat der Erziehungsarbeit kaum merklich sein. Wirklich irrational ist aber der Judenhaß keineswegs, und so rechtfertigt sich der Kampf gegen den Antisemitismus genau so wie jeder Versuch einer Änderung dessen, was man als sittliches Übel erkannt hat. Wie sehr rationale Größen auf Charakter und Tiefe judenfeindlichen Gefühlen einwirken, mögen einige Beispiele aus der jüdischen Geschichte erweisen. Das Gefühl der Verachtung gegen den Juden, das fraglos noch in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts fast allenthalben lebendig war, ist im Verlaufe der Zeit teilweise überhaupt geschwunden, teilweise hat es sich gewandelt und die Judenfeindschaft stützt sich auf ganz andere Gefühle. Diese Änderung geht aber auf deutlich erkennbare geschichtliche Ereignisse zurück. Die Aufklärungszeit mit ihrer allgemeinen Verkündung der Menschenrechte dehnte sie theoretisch notgedrungen auf die Juden aus, die französische Revolution bahnte praktisch die kulturelle und die rechtliche Emanzipation der Juden an, und mehr oder minder vollkommen wurde die Freiheit auch ihnen zu TeiL Mit dieser äußerlichen und innerlichen Anpassung änderten sich aber die Gefühle gänzlich. Was der Engländer des siebzehnten Jahrhunderts gegen den Juden empfand, ist gewiß etwas anderes als die seelische Einstellung seiner Nachkommen von heute. Interessant ist besonders, daß die deutlich wahrnehmbaren Unterschiede, die in unseren Tagen die Gefühle der Völker von einander scheiden, sich fast restlos aus historischen Ursachen erklären. Der Holländer, der Deutsche, der Pole sind innerlich dem Juden gegenüber ganz verschieden eingestellt In den Niederlanden, wo die volle Emanzipation eine Tatsache ist, stellt man höchstens die religiöse Fremdartig- 319