Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Das Irrationale im Antisemitismus
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 317 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Irrationale im Antisemitismus Wenn nun auch die Kritik, die das Bestehen echter judenfeindlicher Gefühle bestreitet und sie teils auf politische Mache und Bequemlichkeit, teils auf vergängliche Massensuggestion zurückführt, keineswegs alle Erscheinungen befriedigend zu erklären weiß, so. ist sie instinktiv doch auf dem rechten Wege. Man begeht nämlich den Fehler, daß man das Gefühl s»- mäßige ohne weiteres mit dem Irrationalen gleichstellt! Man verlegt damit den Ursprung der Gefühle in Regionen, die jedem Einfluß historisch waltender Kräfte, jedem Wirken logisch orientierter Arbeit entzogen sind. Rein theoretisch ist eine solche Annahme ganz unmöglich, weil sie die Grundlage unserer sittlichen Kultur verneinen würde. Die Gefühle des Menschen sind die Ursachen seines sittlichen Handelns. Entziehen sie sich dem sittlichen Willen, gibt es keine Möglichkeit, sei es für den Einzelnen, sei es für die Gesamtheit, sie zu beeinflussen, zu erziehen, hat man mit ihnen als mit absoluten, gegebenen Größen zu rechnen, so fällt die Ethik des freien Willens, die unserer gesamten Kulturauffassung zu Grunde liegt, in sich zusammen. Unser sittliches Handeln ist dann lediglich abhängig von Gegebenheiten fatalistischer Natur, sei es, daß die Gefühlswerte von Ewigkeit her bei den Gliedern der einzelnen Gemeinschaften unveränderlich die gleichen bleiben, sei es, daß sie zwar veränderlich sind, daß aber die bewegenden Kräfte außerhalb der Sphäre menschlichen Einflusses liegen. Eine Ethik auf dieser Grundlage, wenn man sie überhaupt so nennen dürfte, wäre wohl denkbar. Sie ist aber nicht die unsere, die — so groß die Verschiedenheiten innerhalb der einzelnen religiösen Gruppen und Weltanschauungsgemeinschaften sein mögen — doch durchweg auf dem Grundsatze der sittlichen Selbstbestimmung beruht Und ihre Anerkennung auf allen anderen Teilgebieten der Kultur bedingt, daß auch in Ansehung des Judenhasses eine Ausnahme nicht möglich ist In Wahrheit ist denn auch das judenfeindliche Gefühl nur relativ irrational! Nimmt man das Individuum als ein aus dem Ganzen Losgelöstes, so mag die Entstehung der Gefühle irrational erscheinen, weil sie aus ihm selber als vom Ganzen abgetrennten Teile restlos nicht zu erklären ist Nimmt man aber die Gemeinschaft, betrachtet man ihr Werden im Ablaufe langer geschichtlicher Perioden, so erkennt man die Kräfte genauer, die das Gefühlsleben gestalten. Man sieht, wie das Geschick und der Wille der Völkergruppen auch ihr seelisches Sein formen, und wenn auch gewiß das Schicksal oft stärker als alles Wollen und demgemäß von Mächten abhängig 317