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Der Morgen · 1927-08-01 · Heft 3 (August 1927) · p. 316

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 3 (August 1927)
Article
Das Irrationale im Antisemitismus
Date
1927-08-01
Page
316 (sequence 4)
Language
German
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Felix Goldmann wegen seiner kerndeutschen Gesinnung und seiner Verdienste um die deutsche Dichtung der uneingeschränkten Zustimmung der völkischen Presse. Aber diese geistige Einstellung, die sich schließlich im uferlosen Subjektivismus verliert, die am Ende alles persönlich Unangenehme als „jüdisch" empfindet, beweist allerhöchstens, daß den judenfeindlichen Empfindungen im Realen eine objektive Grundlage nicht entspricht Das Vorhandensein der subjektiven Vorstellungen wird auch dadurch nicht aus der Welt geschafft, daß sie in ihren Übertreibungen in einem oft komisch anmutenden Gegensatz zur Wirklichkeit stehen. Daß ein Antisemit, der den jüdischen Ursprung einer Kulturleistung kennt, gefühlsmäßig zu einer ablehnenden Stellung gelangen kann, darf nicht bestritten werden. Und ebenso wenig beweist die Tatsache, daß judenfeindliche Gefühle oft der Massensuggestion mit ihrer ansteckenden Wirkung ihre Entstehung verdanken. Das Gebiet der Übertragung seelischer Krankheitsprozesse ist gewiß nach keiner Richtung hin geklärt, aber sicher ist, daß eine Parallele zu den rein physischen Seuchen vorhanden ist Unter dem Eindruck von Ereignissen, die das Seelenleben und die Nervenkraft schwächen, wird der Boden für die Aufnahme des trügerischen Samens empfänglich und dort, wo infolge von Lähmungen des Willens und des persönlichen Verfügungsrechts über das „Ich" die starken Bäume selbständigen Denkens und Befriedigung gewährenden Handelns nicht mehr gedeihen, wuchert das Unkraut des blinden, unüberlegten Hasses. So wird auch oft das Gefühl der Abneigung gegen die Juden zu einer Volksseuche — Ungarn und Bayern sind in ihrer Nachkriegszeit vortreffliche Studienobjekte — beherrscht das Seelenleben weiter Massen, um dann freilich — und darauf gründet sich der Einwand gegen die Echtheit der Gefühle — wieder abzuflauen und normalen Zuständen Platz zu machen. Dennoch aber sagt das nichts gegen wirklich gefühlsmäßige antisemitische Einstellung selbständig denkender Individuen. Denn einerseits kann durch Massenpsychose nur ein Teil der Erscheinungen erklärt werden, mag dieser auch noch so beträchtlich sein. Andererseits bedeutet auch sie nicht ein Pflanzen von ganzlich Neuem in einen keineswegs vorbereiteten Boden. Sondern jede Suggestion knüpft an etwas Gegebenes an, und in Wahrheit geht die judenfeindüche Saat nicht nur darum so vorzüglich auf, weil der Boden überhaupt aufnahmefähig ist, sondern weil der eingestreute Samen anderes im Boden träge schlummerndes Saatgut durch seine Lebenskraft mit belebt und zum Keimen bringt 316

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