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Der Morgen · 1927-08-01 · Heft 3 (August 1927) · p. 315

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 3 (August 1927)
Article
Das Irrationale im Antisemitismus
Date
1927-08-01
Page
315 (sequence 3)
Language
German
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Das Irrationale im Antisemitismus jedem Judenhasse sind, und daß doch in Augenblicken mangelnder Beherrschung das Gefühl innerer Abneigung zum Durchbrach kommt Nur allzu viele Beispiele, insbesondere yon liberalen und sozialistischen Politikern, beweisen, daß energische und erfolgreiche Vorkämpfer für Gleichheit und Recht der jüdischen Gemeinschaft im Umgang mit dem einzelnen Juden eine Zurückhaltung offenbaren, die sich nur auf eine gefühlsmäßige Abneigung gründen kann. Der starke Einfluß einer Fülle von Gefühlen kann also in der Welt der Erscheinungen des Judenhasses unmöglich übersehen werden. Es wäre unbegreiflich, daß seine oft völlig unlogischen verstandesmäßigen Argumente, seine ganz schiefen historischen Urteile, seine für denkende Menschen ganz unmöglichen Verallgemeinerungen eine so nachhaltige Wirkimg auf das Volksbewußtsein gewinnen, wenn sie nicht auf eine seelische Veranlagung, auf schlummernde Gefühlsregungen stießen, die der erste Anstoß zu wirksamen Leben erweckt und die so stark sind, daß sie in der Freude des Befreitseins auch offenbar Widersinniges vertreten- Auch Vorurteile sind Gefühle! Daß sie aber nicht die stärksten ihrer Art sind, da sie immerhin noch das Bewußtsein einer Verbindung mit dem Gegenstande der Abneigung, und sei es auch nur in der Lust an der Kritik und der Bekämpfung, erkennen lassen, beweist der Begriff des „Asemitismus", des völligen Getrenntseins, der absoluten Verschiedenheit zwischen Juden und Nichtjuden. Während Antisemitismus, auch wenn er rein gefühlsmäßig begründet ist, noch immer die Möglichkeit einer Auseinandersetzung und damit einer wenigstens logisch aufgebauten Verständigung zuläßt, bricht der Asemitismus alle Brücken ab, er empfindet das Jüdische als etwas absolut Fremdes, und es wäre sinnlos, das Bestehen solcher Gefühle zu bestreiten, wenn es auch sicher ist, daß aus politischen Gründete Tiefe und Ausdehnung oft geflissentlich übertrieben wird. Und gegen ihr Vorhandensein sprechen auch zwei Argumente nicht, die oft eingewendet werden. Die Echtheit der Gefühle des Judengegners wird häufig ad absurdum geführt, weil sie fast nie die Probe bestehen, wenn sie sich ledighch auf ihre eigene Sicherheit, auf die aus ihrem Innern strömende Gewißheit, und nicht auf von außen her zugetragenes Wissen sich verlassen. Der Beispiele, die oft ungemein ergötzlich sind, gibt es tausende. Der völkische Antisemit Gaß rühmte die deutsche Art des genialen Baukünstlers Messel, bis er erfuhr, daß es ein Jude sei! Solange sie nicht wußte, daß der Literarhistoriker Gundolf ein jüdischer Gundelfinger sei, erfreute er sich 315

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