Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Das Irrationale im Antisemitismus
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 314 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Felix Goldmann Nationalismus erlegen. Dieser ist fatalistisch. Sein Dogma von der Kraft des Blutes bedingt die Unveränderlichkeit der nun einmal in den einzelnen Rassen liegenden Urtriebe, und kein Individuum ist imstande, sein Ich zu überwinden. Einer Rechtfertigung für das Wesen und die Eigenschaften einer Gemeinschaft bedarf es nicht, ja sie wäre überflüssig und unsinnig, und das ethische System baut sich lediglich auf einem Sein, nicht aber auf einem Sollen auf! So sei auch der Antisemitismus eine überall in der Seele der Nichtjuden latent vorhandene Grundstimmung, die wohl unter starken äußeren Einflüssen zeitweilig zurückgedrängt werden kann, die aber mit der zwingenden Gewalt einer Naturkraft schließlich immer wieder durchbrechen muß. Es liegt eine gewisse Ironie der Weltgeschichte darin, daß der Nationalismus des neunzehnten Jahrhunderts, das kräftigste Kind des Hegelianismus, seinen Vorfahr im Juden Spinoza erblickt und daß man in ihm auch den geistigen Vater der gefährlichsten Spielart des Judenhasses sehen muß. Der Rassenantisemitismus wurzelt eben im Glauben an das Irrationale, und er unterscheidet sich damit grundlegend vom wirtschaftlichen und religiösen Judenhaß, die beide der Betrachtung vom Standpunkte der Logik aus sich nicht entziehen, die beide beeinflußbar sind, weil sie mit der Möglichkeit einer „Besserung" des Juden rechnen. Wenn nun der Rassenantisemitismus, und unter seinem suggestiven Einfluß auch die nationaljüdische Theorie, den Ursprung des Judenhasses lediglich in der — logischer Betrachtung und ethischer Beeinflussung nicht unterliegenden — Welt der primitiven Gefühle suchen, so ist es gewiß richtig, daß viele Judenfeinde diese Konstruktion nur als einen Vorwand benutzen, der sie vor zeitraubenden und unbequemen Erörterungen schützt Das Zauberwort „Gefühl" verschließt eben die Pforte und enthebt der Notwendigkeit, seine Stellungnahme zu begründen und zu verteidigen. Mag man aber auch den Kreis derer, die aus leicht zu durchschauenden politischen, geschäftlichen und sonstigen persönlichen Gründen zu Judenfeinden geworden sind, und die sich aus Bequemlichkeit und geistigem Unvermögen in das Urwalddickicht des von ihnen vorgeschützten Irrationalen flüchten, als noch so groß annehmen, es wäre verblendet, wollte man die Rolle des instinktiven Gefühls irgendwie unterschätzen, wollte man die Ehrlichkeit derer, die antisemitisch zu empfinden vorgeben, durchwegs anzweifeln. Die tagtägliche Erfahrung lehrt uns, daß viele Menschen ihrer politischen und wirtschaftlichen Überzeugung, ihrer religiösen Anschauung, ihrer philosophischen Erkenntnis nach weit entfernt von 314