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Der Morgen · 1927-08-01 · Heft 3 (August 1927) · p. 309

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 3 (August 1927)
Article
Brücken zur Volksgemeinschaft
Date
1927-08-01
Page
309 (sequence 3)
Language
German
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Brücken zur Volksgemeinschaft in Ruhe und Ordnung seinen staatsbürgerlichen, beruflichen, familiären und rein menschlichen Pflichten nachkommt, zwingt er nicht geradezu, auch in dem politischen Gegner den Menschen zu achten, ihn als Persönlichkeit und nicht als Parteimann zu werten und vielleicht im Anschluß an ein sachliches, mit Achtung vor der gegnerischen Meinung geführtes politisches Gespräch mehr oder weniger in f*remde Gedankengänge einzudringen? Vielleicht wird der Gegner sie dann nur noch schärfer bekämpfen, aber dann, weil in wahrer Erkenntnis der Ursachen und Zusammenhänge, in gerechter und würdiger Form. Der Atheist wird beim Einblick in das Familienleben des wirklich frommen, katholischen Nachbarn erleben, welche tiefen sittlichen Werte der Glaube für den wahrhaft Gläubigen in sich birgt und erkennen, wie sich diese Werte zum Guten auswirken. Auch er wird nicht vom Freidenker zum Kirchengläubigen werden, aber er wird die Gefühle religiös geleitete*4 und erfüllter Mitmenschen niemals in roher Weise verletzen. Der kleine Fabrikant oder Handwerksmeister, der Höchstlöhne im Rahmen seines wirtschaftlichen Könnens zahlt, seine Angestellten und Arbeiter nicht vom reinen Arbeitgeberstandpunkte lediglich als lebende Werkzeuge betrachtet, sondern sie rein menschlich als Mitarbeiter würdigt, ihnen in ihren Nöten und Sorgen beisteht — obgleich ein patriarchalisches Arbeitsverhältnis heute nicht mehr bestehen kann — und seinen Arbeiterausschüssen Einblicke in die Schwierigkeiten des Betriebes gibt, er trägt zu seinem Teil redlich zur Überwindung des Gegensatzes zwischen Arbeitgeber und -nehmer, Kapital und Arbeit, Reichtum und Armut, bei. Der Schriftsteller wiederum, der bei passender Gelegenheit den Bewohnern des Hinterhauses, insbesondere der Jugend, aus seinen Werken vorliest, der Maler oder Bildhauer, der die Technik seines Schaffens erklärt, der sozial denkende Arzt- und Anwalt, der seine Patienjen. und Klienten nicht nur sachlich behandelt und berät, sondern ihnen auch rein menschlich nahezukommen sich bemüht — wenig Worte und ein Funken wahrer Liebe genügen gerade primitiven Seelen gegenüber oft schon — sie alle werden erreichen, daß ihre Kunst und Wissenschaft nicht als unproduktiv, mühelos und ausbeutend betrachtet wird. Die Achtung des einfachen Volkes vor geistiger Tätigkeit, die übrigens größer ist, als' man gemeinhin denkt, wird weiter steigen und ihre Früchte tragen. So kann, so sollte und müßte jeder einzelne Mensch, gebend und empfangend, wirken, um dabei die beglückende Erkenntnis zu finden, daß wir alle, gleichviel welchen Standes und welcher Bildung wir sind, meist mehr empfangen als geben können. Ein jeder bemühe sich mit Takt, aber auch mit Entschiedenheit, nicht nur in dem Kreise zu leben, in den ihn Geburt, Erziehung, Schicksal und Beruf, somit also meist Zufall, gestellt, sondern versuche mit den Brüdern und Schwestern, möglichst gerade aus dem entgegengesetzten Lager, zunächst nur einmal Fühlung zu nehmen. Wer nicht geradezu gedarkenlos-fanatisch auf seine Richtung eingeschworen, nicht taktlos blinder Hasser alles ihm Fremdartigen ist, hat ja auch oftmals schon den Wunsch 309

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