Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Die Typen des deutschen Judentums in ihrer Beziehung zum Sozialismus
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 298 (sequence 14)
- Language
- German
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Hilde Landauer dadurch, daß die Juden nach Spanien, nach Holland, an den Rhein, nach Polen gekommen sind und dort bestimmte Schicksale erlebten. Für den Sozialismus als ausschließliche Bindung war noch mehr Raum vorhanden bei solchen Juden, die in ihrem Bewußtsein das „Judesein" als uninteressant und unwichtig gegenüber anderen Gedanken zurückgestellt haben, oder bei solchen Juden, die aus ihrem Judesein einen anderen Typ gebildet haben, einen Assimilationstyp, der als solcher nicht durch Verleugnung, aber durch Umgestaltung alter Bindungen neue Gegebenheiten aufstellt Es waren zu Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts genug Gedanken vorhanden, die geradlinig dazu führen konnten, das Judesein, die Abstammung als unwesentlich zu empfinden. Das Weltbürgertum, der Kosmopolitismus setzte eine Vernachlässigung, eine Geringerschätzung aller nationalen Gegebenheiten voraus. Der Mensch dieser Richtung stellt sein Sein auf seine Fähigkeit als isolierte Persönlichkeit Beziehungen zu Menschen und Sachen zu gewinnen, als Ich sich frei und losgelöst anzupassen. Wenn ein Jude sein Judesein uninteressant und unwichtig zu empfinden anfängt, so entkleidet er sich in seinem Bewußtsein einer wesentlichen Gegebenheit und kann, um wieder einen wesentlichen Inhalt zu gewinnen, am folgerichtigsten auch nur „auf den Titel Mensch provozieren". Dieses Zurücktreten des jüdischen Komplexes kann bei solchen eintreten, die der Schwere des Judeseins müde sind und sich als Entspannung und Erlösung anderen Komplexen zuwenden, es kann aber auch die Folge eines Ergriffensems von anderen Ideen sein. Wie aber auch der Weg ist, es macht sich geltend, daß vom Zurückgehen auf den Begriff Mensch zum radikal fundierten Sozialismus ein nicht eben weiter Schritt ist Der Jude, der seine eigenen schweren Gegebenheiten nur als eine Belastung empfindet, ist der geistige Bruder des Proletariers, der unter seinen Gegebenheiten stöhnt. Der Jude, ausgeschlossen von selbstverständlicher Geltung, zugelassen bestenfalls auf Grund besonderer Leistungen oder wirtschaftlicher Macht, darum noch fremd dem nichtjüdischen Kreis, entfremdet dem jüdischen, heimatlos, anschlußbedürftig; der Proletarier, ausgeschlossen von Bildung, gesellschaftlicher Stellung, wirtschaftlicher Macht, staatlich gewertet nur als Objekt der Gesetzgebung, fremd der nationalen Kultur, anschlußhungrig. Sie beide haben einen Rechtstitel, der ihre Lage verbessert, eine Berufung auf ihr Menschsein, um Recht und Unrecht zu sondern. Und das „Provozieren auf den Titel Mensch" liegt so nahe, weil alle Zwischenglieder gelöst und nicht 298