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Der Morgen · 1927-08-01 · Heft 3 (August 1927) · p. 293

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 3 (August 1927)
Article
Die Typen des deutschen Judentums in ihrer Beziehung zum Sozialismus
Date
1927-08-01
Page
293 (sequence 9)
Language
German
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Die Typen des deutschen Judentums in ihrer Beziehung zum Sozialismus Um eine solche Wesensform ohne einheitliche Ideologie handelt es sich bei dem Typus des liberalen Juden. Das liberale Judentum ist entstanden aus einer Fülle von Teilbewegungen, Teilempfindungen, die sich kreuzen und und damit entkräften oder gleichlaufen und verstarken konnten. Es lassen sich einige Strömungen an seinem Anfang unterscheiden. Als solche stellen sich dar: Der Widerspruch gegen die zwangsmäßige Regelung des gesamten Lebens durch die Orthodoxie, die Sehnsucht nach den Zweifeln und Kämpfen eines ungeregelten Lebens, der Widerspruch gegen das unvermeidlich Dogmatische jeder positiven Religion, also auch der jüdischen, der Widerspruch gegen die durch orthodoxe Lebenshaltung und Religion erzwungene Absonderung von dem Volksganzen desjenigen Volkes, mit dem man räumlich zusammenlebte. Und nicht nur räumlich, das zeigt gerade eine andere Wurzel des liberalen Judentums. Als diese sind all jene Strömungen zu bezeichnen, die aus dem geistigen Leben der Aufklärung, des Humanitätsideals an das Ghetto branden und mitreißen, was des Zwanges überdrüssig ist, jedes geistigen, jedes äußeren Zwanges, nicht nur des orthodoxen jüdischen. Die Aufklärung stellt den Menschen erneut auf sich selbst, alles liegt in ihm, alles kann er aus sich heraus entwickeln, nur frei muß er sein, losgelöst aus allen Bindungen, damit er das Herrlichste vollenden kann, was in ihm liegt, freie Urteilskraft, freie Gestaltung. Die Heutigen vermögen sich wohl manches an der überwältigenden Anziehungskraft dieses Ideals nicht mehr ganz vorzustellen. Zu fern sind sie in den deutschen Verhältnissen bereits dem Bedrückenden der Ghettoluft, sie haben in freier Verfügung Anteil an jeder Kultur, sie brauchen keine ausschließende Wahl zu treffen, mit der Erfassung der einen nicht die Brücken zur anderen abzubrechen, mit anderen Worten, sie haben es heute erheblich leichter tolerant gegen orthodoxe Bindungen zu sein, weil es keinem mehr schwer gemacht wird, sich ihrer zu entledigen. Damals lag es aber völlig anders, die zwangsmäßigen Bindungen waren straff und konnten schmerzen, zusammenschnüren und verkrüppeln, man konnte ihnen nur durch einen wirklichen und harten Kampf entgehen. Da lag es in dem Schwung des Kampfes begründet, daß sein gedanklicher Überbau golden und glänzend wurde. Daß dieses Ideal seinen Glanz im Grunde nur aus der Spiegelung des Gegensatzes empfing, daß es als das Höchste nur solange gelten konnte, als es die Freiheit von bestimmten Bindungen verhieß, daß es aber außerhalb dieses Gegensatzes an Gehalt verlieren mußte, daß es formlos werden mußte, 293

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