Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Die Typen des deutschen Judentums in ihrer Beziehung zum Sozialismus
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 294 (sequence 10)
- Language
- German
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Hilde Landauer sobald es die Freiheit von jeder Bindimg schlechthin forderte — und wer bedarf der Form mehr als der Mensch und sein ins Ideale gesetztes Ziel — das zu erkennen, war die Zeit der Entstehung dieses Ideals nicht reif. Es flutete und wogte ins Hemmungslose, der Gegensatz war eben reif geworden zum extrem dialektischen Sprung. Und so entstand das liberale Judentum auf der zunächst festen Basis des Gegensatzes. Heraus aus dem Ghetto, heraus aus den orthodoxen Bindungen, hinauf zu einer schöneren Lebensführung, zu der deutschen Bildung, zu der gesellschaftlichen Achtung. Bei dieser Bewegung, bestimmt durch ihren Gegensatz, mußte das liberale Judentum notwendig von Anfang an viele Individuen sammeln, für die das Einigende bestenfalls ein Ideal der Formlosigkeit war. Und es hat jede Errungenschaft oder vermeintliche Errungenschaft mit einem Verlust bezahlt, es ging verloren die jüdische Tradition, das jüdische Wissen, die jüdisch-religiöse Kultur, und als die liberalen Juden sich von diesen Werten, die doch auch in der Erstarrung noch Substanz waren, befreit hatten zugleich mit den erstarrten Bindungen, als die Kraft des Gegensatzes aufhören mußte zu wirken, da fehlte die Form, die unerläßliche Form. Die Bewegung kann vom Gegensatz zehren, das Sein bedarf der gebildeten und anerkannten Form Bei dem freigewordenen Raum, den Bindungen an Ghetto und orthodoxe Religion ausgefüllt hatten, machte sich eine Leere geltend. Äußere Nötigungen traten hinzu, diese fehlende Form besonders schmerzlich zu empfinden. Man war heraus aus dem Ghetto, war aber nicht voll aufgenommen, man hatte die positive Religion gegen die Aufklärung eingetauscht, und die Zeit der Aufklärung ging vorüber. Ihre Werte wurden verzerrt und verkannt, ihr Inhalt schließlich unter Verschweigen ihrer guten Wirkungen in Schlagworte gebracht Um es schlagwortartig zu bringen, die Mode des Verstandes, der ratio, wurde abgelöst von einer der irrationalen Werte mit dem besonderen Vorzeichen der alleinigen Werte. Bei diesem Stand der geistigen Dinge mußte das liberale Judentum schlechterdings um seine eben begründete und bereits überalterte Existenz kämpfen. Und es Begann diesen Kampf mit einer Wendung zurück zu den alten Bindungen. Vor der gesellschaftlichen Ablehnung der anderen Schicksalsgemeinschaft zog es sich zurück auf die erste; es begann allgemeinjüdische Bindungen zu betonen, allerdings mit schroffer Ablehnung jedes volklich-jüdischen Standpunktes. Diese Ablehnung war so schroff, daß es 294