Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1927-08-01 · Heft 3 (August 1927) · p. 279

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 3 (August 1927)
Article
Subjektive Volkstheorie [Rezension]
Date
1927-08-01
Page
279 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895471-2897979--02020-2898073
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Die subjektive Volkstheorie kenntnis? Diese Ausdrucksweise verschleiert den traurigen Tatbestand, daß es die Deutschen selbst gewesen sind, die die böhmischen und mährischen Juden, die deutscher Kultur zugehörten, durch antisemitische Gehässigkeiten, durch politische und schroffe gesellschaftliche Maßnahmen aus der deutschen Gemeinschaft vertrieben haben. Zehntausende wertvoller deutscher Kulturträger sind im gefährdeten Grenzland auf diese Weise dem Deutschtum verloren gegangen. Wie bedeutend der Anteil der böhmischen Juden an deutscher Kultur ist, kann man einer aufschlußreichen kleinen Schrift von Dr. Oskar Donath, „Böhmische Dorf juden" (Brünn 1926), entnehmen. Folgende Männer von Weltruf haben die böhmischen Dorf juden der deutschen Kultur geschenkt: Den Schriftsteller Julius J. David, den Dichter HieronymusLorm, die Historiker Heinrich Friedjung und Moritz Steinschneider, den Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud, den Sprachforscher Fritz Mauthner, den Philosophen Wilhelm Jerusalem, den Erforscher Arabiens Eduard Glaser. Daß eine Reihe von Juden zur tschechischen Nation übergegangen sind, was hat das mit ihrem Judentum zu tun? Von Loesch gibt in seinem Aufsatz „Eingedeutschte, Entdeutschte und Renegaten" eine ganze Reihe von Namen deutscher Männer, die als Renegaten zu den Dänen und Franzosen übergegangen sind. Dürfte man in Ansehung dieser Beispiele sagen, das Deutschtum sei in seinem nationalen Bekenntnis schwankend? In dem eben erwähnten Aufsatz — er gehört zu den wertvollsten und aufschlußreichsten des Sammelbandes — unterscheidet von Loesch drei Urbestandteile deutschen Volkstums: 1. Gemeinsame Sprache; 2. Gemeinschaftsgefühl, Bewußtsein gemeinsamer „Herkunft", was Unbestimmteres ausdrückt als Rasse, Abstammung oder straffes Staatsgefühl; 3. Deutsche Staatlichkeit Diese drei Momente weisen zur subjektiven Volkstheorie. Sie kommt auch zum Ausdruck in der Art, wie Loesch das Sondervolkstum der Vlamen und Holländer betont Dieses verdanken die germanischen Stammessplitter der Vernichtung des staatlichen Bandes (formal 16 48, tatsächlich etwa seit i5oo) und der Schriftsprache der sich bildenden intellektuellen Oberschicht Die ungeschriebene Volkssprache, die Mundart, blieb wie sie war. Sie wurde zur eigenen Schriftsprache durch die Bibelübersetzung.1) Die Schriftsprache, die Sprache des höheren geistigen Lebens, x) Gerade bei dem holländischen Volkstum wird besonders deutlich, wie wenig Stamm und Volk zusammenfallen, ja, wie zwischen beiden Begriffen eine nicht unbedenkliche Spannung besteht. Der Archivrat Dr. P. Osswald, Potsdam, berichtet in seinem Aufsatz „Holland und Deutschland" von dem „Allgemeen Nederlandsch Verbond", der 1898 gegründet wurde: „Dieser Verband arbeitet für die Stärkung der sittlichen und wirtschaftlichen 279

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.