Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Subjektive Volkstheorie [Rezension]
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 275 (sequence 6)
- Language
- German
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Die subjektive Volkstheorie Seit dieser Zeit gibt es eine nationalistische Agitation unter den Wenden. Dabei läßt die preußische und sächsische Regierung den Wenden volle Freiheit ihrer Sprache. Das politische Hauptblatt der Wenden ist die taglich erscheinende Serbske Noviny (Wendische Nachrichten, Verlag von Schmaler, G. m. b. H. in Bautzen). Die Zeitung dient als Organ zur Verbreitung der neueren wendischen Sprache mit dem ausgesprochenen Ziele, die Erweckung eines wendischen Nationalgefühls und Zusammenfassung der Wenden zur Volksgemeinschaft zu fördern. Auch die Niederlausitzer Wenden geben eine Wochenschrift heraus (gleichfalls in Bautzen), die gemeinsam mit den obgedachten Wendischen Nachrichten den Gedanken einer wendisch-tschechischen Kulturgemeinschaft propagiert Ein reich gegliedertes Vereinsleben — Turn-, Sport- und Geselligkeitsvereine — pflegt die wendische Volksidee. In der Schulfrage kommt der Freistaat Sachsen den Forderungen nach Berücksichtigung der wendischen Sprache weit entgegen. Neben der deutschen Volksschule, die der wendischen Sprache einen gewissen Spielraum läßt, gilt als gleichberechtigt die rein wendische und die gemischtsprachige Volksschule. Auch in den höheren Schulen Bautzens ist wendisch Wahlfach. Die Teilnahme an diesem Unterricht steht dem wendischen und dem deutschen Schüler frei Für den wendischen Unterricht sind wendische Lesebücher auf Staatskosten hergestellt und eingeführt worden. Trotzdem haben die radikalen Wenden 1921 in einer Eingabe vom sächsischen Staate verlangt, daß er die wendenstämmigen Kinder auch gegen den Wunsch ihrer Eltern zwinge, auf allen Stufen der Volksschule wendisch zu lernen. Otto Eduard Schmidt, der Verfasser der hier besprochenen Schrift, sagt mit Recht, daß dem in der Reichsverfassung ausdrücklich anerkannten Willen der Erziehungsberechtigten (4- Abschnitt: Bildung und Schule, Artikel 427) die letzte Entscheidung verbleiben müsse. Und er fährt dann wörtlich fort: „Diese Überwenden können nicht fordern, daß der Staat ihnen künstlich und zwangsweise aus deutschem Volksmaterial ein neues wendisches Volk aufbaue, wenn ihre eigenen Volksgenossen sich nicht mehr als Nation fühlen."1) *) Was aber für die Wenden recht ist, muß auch für die Juden billig sein. Als ich vor einigen Monaten einem bekannten Literarhistoriker an einer ostdeutschen Universität meinen Aufsatz „Wirklichkeit und antisemitische Deutung" (Der Morgen, II. Jahrgang, 5. Heft) sandte, in dem ich an Hand der Tatsachen zeigte, daß die Mehrzahl der eingesessenen deutschen Juden nicht mehr ein eignes Volk sind und sein wollen, schrieb mir der Herr zurück: „Wir haben es nicht erfunden, daß die Juden ein Volk sind." Und er berief sich u. a. auf Dubnow-s „Geschichte des jüdischen Volkes". Er hielt sich also an die Überjuden mit ihrer Behauptung, die Juden seien ein Volk und lehnte die Forderung der Mehr- 18* 275