Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Subjektive Volkstheorie [Rezension]
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 274 (sequence 5)
- Language
- German
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Julius Goldstein Bevölkerung, was, wie Laubert bemerkt, ein unerhörter Betrug ist, da Liber vorher alle Zweisprachigen, also auch die jüdischer Konfession, den Polen zugerechnet hat Die subjektive Volkstheorie vertritt eine Schrift von Otto Eduard Schmidt „Die Wenden" (Dresden 1926). In einer Reihe fesselnd geschriebener Kapitel wird die Geschichte der Wenden behandelt Sprache und Kulturverhältnisse erfahren eingehende Würdigung. 1827 wurde für die Bezirke Leipzig, Altenburg und Zwickau und i42 4 für die Mark Meißen der Gebrauch der wendischen Sprache vor Gericht verboten — erst damals war die Eindeutschung vollzogen. Die sogenannte wendische Tracht der Frau — Spreewälderin — hat mit altwendischem Wesen nichts zu tun; sie ist nichts als eine aus der Nachahmung der städtischen Tracht einer bestimmten Epoche entstandene Kleidung der Landbewohner, die, weil sie gefiel und sich eingebürgert hatte, auch beibehalten wurde, als in der Stadt die dieser Bauernkleidung zugrunde liegende Mode längst vorüber war. Die deutsche Sprache war allmählich den Gebildeten geläufig — Klopstock und Schiller wurden in den wendischen Pfarrhäusern ebenso verehrt wie in den deutschen. So war schon in den ersten Jahrzennten des 19. Jahrhunderts eine Angleichung und Ausgleichung zwischen Wenden und Deutschen im Gange als natürliches Ergebnis langer Schicksalsgemeinschaft Die Gesamtzahl der sächsischen und preußischen Wenden beträgt nach dem statistischen Jahrbuch von 1913 111657; von diesen wohnten 43 348 in Sachsen und 67 809 in Preußen. Das Wendische nimmt zwischen dem Tschechischen, Slowakischen und dem Polnischen eine vermittelnde Stellung ein und zerfällt in eine Reihe von Dialekten. Die ersten Anfänge wendischen Schrifttums sind der deutschen Reformation zu danken, der Übersetzung der Bibel nach dem Lutherschen Text; die Wiederbelebung des wendischen Sagen- und Liederschatzes ist ein Ergebnis der deutschen Romantik. Gegen Ende des Krieges versuchte man von der Tschechoslowakei her die Wenden als Stammesgenossen auch politisch zu gewinnen und sie zum Austritt aus dem deutschen Staatsverbande zu bewegen. Ernst August Barth, Mitglied des Sächsischen Landtages, gründete November 1918 einen wendischen Nationalausschuß und ging als Mitglied der tschechischen Delegation nach Paris. Barth wurde wegen Landesverrat später verurteilt; in der Urteüsbegründung wurde ihm entschuldigend zugestanden, er habe sich von seinem „Stammesbewußtsein" verleiten lassen. 274