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Der Morgen · 1927-08-01 · Heft 3 (August 1927) · p. 266

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 3 (August 1927)
Article
Die Juden in Rußland unter Nikolaus I.
Date
1927-08-01
Page
266 (sequence 16)
Language
German
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B. Segel mitteln, Kleidungsstücken oder Geld besaß, trug es hinaus und warf es in die Wagen oder gab es den armen Wesen ,die den Eltern und dem Vaterlande für immer entrissen wurden. Die ihren Kindern nacheilenden Mütter warfen sich unter die Räder der Wagen, andere versuchten, die Pferde aufzuhalten. Allgemeines Jammern, laute Flüche, die aber vorläufig fruchtlos blieben . . . Auf dem Lande verbargen sich die Bauern mit ihren Kindern in den Wäldern und führten um ihre Sprößlinge förmliche Schlachten mit den Kosaken. Das Schicksal der geraubten Kinder war furchtbar. Man behandelte sie wie Verbrecher. Der geringste Widerstand wurde unbarmherzig mit Knutenhieben bestraft Bis zur Grenze des Königreichs durften sie Wagen benutzen, weiterhin aber mußten sie zu Fuß gehen. Von den paar ersten, nach Bobruisk gesandten Transporten langten nur n5 an, 335 starben unterwegs oder verkümmerten in den Spitälern. Die in Bobruisk angelangten waren die größeren, aber sie waren körperlich ganz herabgekommen, mit Ungeziefer bedeckt, die Köpfe von einem abscheulichen Grind überzogen. Alle mußten ins Spital abgeliefert werden. Die meisten dieser Kinderscharen verschleppte man nach Sibirien. Unterwegs wurden die Zusammenbrechenden ihrem Schicksal überlassen, indem man Brot für drei Tage neben sie hinlegte. Leute die aus Sibirien zurückkehrten, fanden unterwegs zahlreiche kleine Leichen, neben dem unberührten Brot zusammengekauert Es kam häufig vor, daß ein Transport erwachsener polnischer Verschickter auf dem Wege in die sibirische Verbannung noch lebende Kinder fand und sie mit sich nahm. Polnische Eidelleute, die schwere Ketten nach sich schleiften, luden die gefundenen Kinder auf ihre Schultern. Die unterwegs starben, hatten ein glückliches Los gewählt, sie waren einer langen Kette höllischer Qualen entgangen." Limanowski schließt: „In meiner sibirischen Verbannung begegnete ich mehreren Kantonisten. Man konnte nicht ohne tiefe Rührung und Zorn ihre Schilderung von den überstandenen Qualen hören. Ihre Muttersprache hatten sie vergessen, aber ihrer polnischen Abstammung waren sie sich bewußt und sie hegten im Herzen einen schrecklichen Haß gegen ihre Verfolger. Der Zarismus hat keine Janitscharen aus ihnen gemacht, aber aus ihrem Blut und ihrem Geist erstehen fürchterliche Rächer." Diese Schilderung paßt ganz auf die jüdischen Kantonisten. Den Polen gegenüber mußte Nikolaus alsbald diese Praxis einstellen, da sie am Ende doch das Mißfallen Europas erregen konnte, den Juden gegenüber brauchte er sich nicht zu genieren. Das System dauerte bis zu seinem Tode (2. März i855). 266

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