Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Die Juden in Rußland unter Nikolaus I.
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 265 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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- Minsk 1× ep/1000754
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Die Juden in Rußland unter Nikolaus I. „Man kommandierte die Kleinen herbei und stellte sie in Reih' und Glied auf, das war eines der schrecklichsten Schauspiele, die ich je gesehen. Die armen, armen Würmer! Die zwölf- und dreizehnjährigen konnten sich noch einigermaßen halten. Aber die acht- und neunjährigen! ... „Kein Malerpinsel wäre imstande, das Grauenhafte des Anblicks wiederzugeben. Bleich, zu Tode erschöpft, mit erschrockenen Gesichtern standen sie in ihren groben, schweren Soldatenmänteln da und ihre hilflosen, jammervollen Blicke wandten sich den Garnisonssoldaten zu, die sie mit grobem Schreien und brutalen Rippenstößen in eine schnurgerade Linie ordneten. Die blauen Lippen, die dunkelgeränderten Augen zeugten von Fieber oder schwerer Erkältung" ... # + Nicht die Juden allein beglückte Nikolaus L mit diesem System, auch die Polen bekamen es eine Zeitlang zu verspüren. Nach der Niederwerfung des Aufstandes von i83i wurden die polnischen Soldaten auf das Grausamste durch Spießrutenlaufen u. dgl. gepeinigt, die Güter der Polen konfisziert, ihre Jugend zu Zehntausenden in Ketten etappenweise nach Sibirien verschickt und dort in den Bergwerken und durch den ewigen Winter zu Tode gequält Aber auch an den Kindern kühlte Nikolaus sein Mütchen. Am 19. Februar i832 gab der Stabschef der Militärkolonien, General Tolstoj, dem Statthalter von Polen, dem berüchtigten Paskiewicz, bekannt, daß der Zar befohlen habe, die verlassenen, verwaisten und obdachlosen Knaben im ganzen Königreich aufzusammeln und nach Minsk zu bringen, wo der dortige Garnisonchef sie übernehmen, sie in Kantonistenbataillone unterbringen und dann laut Anordnung des Stabschefs den Abteilungen in den Militärkolonien zuweisen werde. Mit echt moskowitischer Tücke ließen nun die Behörden austrommeln, daß alle unterstützungsbedürftigen Kinder sich melden sollten. Die versammelten Kinder wurden einfach gefangen genommen. Wenn Eltern oder Verwandte protestierten, wurden sie in Ketten gelegt und wegen Widerstandes gegen die Behörden vor Gericht gestellt Eine solche Szene, die sich in Warschau am 17. Mai i832 abgespielt hat, schildert ein Augenzeuge, zitiert von dem polnischen Historiker Boleslaw Limanowski, folgendermaßen: „Es war ein kalter und regnerischer Tag, die Straßen waren menschenleer. Gegen ein Uhr vernahm man ein ungewöhnliches Getöse, Pferdegetrampel vermischt mit jammernden Frauenstimmen. Es war eine Karawane mit geraubten Kindern, die von der Alexanderkaserne zur Stadt hinauszog. Wer daheim etwas an Nahrungs- 265