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Der Morgen · 1927-08-01 · Heft 3 (August 1927) · p. 263

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 3 (August 1927)
Article
Die Juden in Rußland unter Nikolaus I.
Date
1927-08-01
Page
263 (sequence 13)
Language
German
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Die Juden in Rußland unter Nikolaus I. für einen seiner Angehörigen als Soldat „abgeben" durfte. Den Gemeinden stand es frei, „fremde" Juden, die sich ohne Paß bei ihnen aufhielten, abzufangen und als Vertreter für die Ihrigen der Behörde auszuliefern- Es entstanden unter der Ägide der Regierimg Banden von Häschern, im Volksmunde „Chappers" *) (russisch „lowtzy", hebräisch „chotphim" oder „chatphanim") genannt, bestehend aus abgestraften Verbrechern, gewerbsmäßigen Denunzianten u. dgL, die auf paßlose Juden Jagd machten und sie den Militärbehörden zuführten. Sie erhielten für den Kopf dreißig bis vierzig, oft auch bis siebzig Rubel. Alte, Schwächliche, Kranke, alle galten gleich. Besonders hatten sie es auf die kleinen Knaben von acht Jahren abgesehen, die ja seit i85o militärpflichtig waren. Die Chapper traten, ähnlich den heutigen Mädchenhändlern, in verschiedenen Vermummungen auf, meist als ehrenwerte, streng fromme, ganz nach alter Mode in langen Kaftanen und Pelzmützen angetane, würdige Männer, mit langem Bart und Schlafenlöckchen. Sie machten sich an die kleinen Knaben heran, die sie durch Leckerbissen und Spielzeug an sich lockten, paßten den erwachsenen Männern auf, die sich ohne Paß aus ihrem Wohnort entfernt hatten, häufig nahmen sie mit Gewalt die Pässe weg und vernichteten sie, oft fingen sie auch Kinder unter acht Jahren und beschworen, daß diese ihnen zugestanden hätten, das achte Jahr überschritten zu haben. Die Opfer wurden den Lokalbehörden abgeliefert, unter deren Schutz die Chapper standen, so daß der Volkszorn ihnen nichts anhaben konnte. Das alles klingt heute wie ein Märchen, so daß man es nicht glauben würde, wenn wir nicht eine Fülle von zeitgenössischen Zeugenschaften hätten. Auf den bekannten Erzähler und Sittenschüderer Jakob Abramowitsch („Mendele Mocher Seforim"), der diese Zeit als junger Mann miterlebte, machte sie einen so unauslöschlichen Eindruck, daß fast alle seine Erzählungen von diesen Vorgängen förmlich beherrscht sind. Man durfte in Rußland über diese Epoche bis in die neuere Zeit nicht ganz ausführlich schreiben. Seit dem japanischen Krieg sind Erinnerungen von Kantonisten erschienen, viele mündliche Überlieferungen wurden aufgezeichnet, zu Erzählungen verwendet und in Gedichten poetisch dargestellt (So u. a. von Smolenski, Jakob Kahan, Jehuda Steinberg, Ben-Ami). Manche dieser Schilderungen erregen dieselbe Stimmung wie Dostojewskis Memoiren aus dem Totenhaus. Wir sehen da den Kampf der Mütter gegen die „Chapper" und deren Schergen, wir sehen, wie die Kinder geknebelt und in die Wagen x) Vom yiddischen „chappen" fangen, haschen. 263

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