Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Die Juden in Rußland unter Nikolaus I.
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 256 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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B. Segel und Habdalah-Kerzen, Fackeln bei Hochzeiten, Jahrzeitlämpchen und dergl. entrichtet werden.) Zum „Minister für jüdische Volksaufklärung" wurde Eh-. Max Lilienthal ernannt, der aus Südbayern stammte und in Riga als Lehrer wirkte. In Deutschland interessierte man sich leidenschaftlich für die Sache und einige Jahre lang waren hier die paar jüdischen Zeitungen voll von der? großen Aktion Lilienthals, der als ein Herold der europäischen Kultur im Osten, als ein Missionär des geläuterten Judentums dastand, und zum Helden und Bahnbrecher emporgewachsen war. Wenn man die Vertrauensseligkeit der obengenannten hebräischen Schriftsteller, die nie aus dem Dunstkreis des Ghetto herausgekommen, nie europäische Luft geatmet, entschuldigen kann, so bleibt die Leichtgläubigkeit des westeuropäischen Kulturträgers und Lichtspenders Lilienthal unverzeihlich. Diesen Menschen hatte Gott dazu geschaffen, als friedliches Schulmeisterlein zu wirken, Kinderschulfeiern zu veranstalten, vor einer andächtigen Zuhörerschaft Trauungs- und Leichenreden zu halten und in der sanftseligen Sabbamachmittagsslimmung moralische Betrachtungen anzustellen. Sein Unstern wollte, daß er die furchtbar harte Aufgabe unternahm, die Juden Rußlands, mit denen er sich in ihrer Sprache nicht einmal recht verständigen konnte, unter Nikolaus L aufgeklärt zu machen. Was für eine Vorstellung er von seiner Mission und von seinen Auftraggebern hatte, beweist ein vor einigen Jahren aufgefundener Brief von ihm (abgedruckt in Jewrejskaja Starina, 19x2), in dem es mit rührender Naivität u. a. heißt: „Der Sieg ist unser und der Wurf mit den Würfeln des Lichtes und der Finsternis ist zu unseren Gunsten gelungen, und der Monarch hat den darüber verfügenden Ukas in voriger Woche allergnädigst unterzeichnet Es war ein harter Kampf, den ich durchzukämpfen hatte, aber die Freude de» Sieges läßt alles vergessen."----(Es galt für Lilienthal): „1. Gut zu machen, was die Juden verdorben hatten, 2. den Widerwillen gegen dieselben zu beseitigen, 3. den Fanatismus trotz seines wilden Gebärdens zum Fortschritt zu bewegen und ihn von dem Wohlwollen der Regierung zu überzeugen"----usw. Natürlich erregte diese ganze Bewegung nur eine ungesunde Gärung unter den Aufgeklärten und bestärkte noch die Abneigung der großen konservativen Masse, deren Instinkt diesmal das Richtige traf, gegen alle weltlichen Studien, in denen sie nur ein Mittel der Regierung erblicken mußte, sie ihrer Religion abtrünnig zu machen. Im Jahre 1912 wurde ein aufgefundener Brief Lilienthals in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Juden- 256