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Der Morgen · 1927-08-01 · Heft 3 (August 1927) · p. 255

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 3 (August 1927)
Article
Die Juden in Rußland unter Nikolaus I.
Date
1927-08-01
Page
255 (sequence 5)
Language
German
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Die Juden in RußJand unter Nikolaus I. verlogenen Grausamkeit Im Jahre 1827 wurden zwei Juden in Odessa zum Tode verurteilt, weil sie vor der Pest ins Ausland fliehen wollten. Nikolaus änderte die Todesstrafe mit folgender Begründung ab: „Die Schuldigen sollen Spießruten laufen, tausend Mann, zwölf mal! Gott sei Dank, die Todesstrafe gab es bei uns nicht, und ich will sie nicht emführen." Solche Gnadenakte übte er häufig nicht nur gegen Juden. Natürlich starben die Gestraften unter den Streichen der Soldaten auch ohne Todesurteil." (Masaryk.) So war der Mann beschaffen, der die Juden Rußlands der Kultur zuführen wollte. Der Graf Uwarow, der unter ihm i833—i8£o Unterrichtsminister war, kündigte bei seinem Antritt den Kuratoren der Lehrbezirke als sein Programm an, „dahin zu wirken, daß die Bildung der Nation in dem vereinten Geiste der Orthodoxie, Autokratie und Nationalität vor sich gehe". Das war das berüchtigte Programm der „drei Einheiten"; ein Glaube, ein Zar, ein Volk. Alle Bewohner Rußlands sollten zur Orthodoxie und zum Großrussentum „erzogen" und jede Regung des Widerstandes gegen den Absolutismus brutal unterdrückt werden. Wie der Zar die Philosophie, so haßte Uwarow die Literatur. Ihre zahmsten Repräsentanten wurden mit schwersten Kerkerstrafen, Sibirien usw. bestraft Der Unterrichtsminister, der auch Präsident der Akademie war, äußerte allen Ernstes den Wunsch, die russische Literatur möchte überhaupt aufhören! Wenn nun derselbe Uwarow die „Aufklärung" der Juden fördern wollte, so ist es klar, daß er damit nur die „Unifizierung Rußlands in religiöser Beziehung" im Auge haben könnte. Daß Isaak Ber Levynsohn, dem er zum Lohn für seine schriftstellerische Tätigkeit einen Brillantring vom Zaren verschaffte, von den besten Absichten Uwarows überzeugt war, und Abraham Mapu ihn sogar andichtete und mit einem hebräischen Wortspiel seinen Namen als „Wolkenzerstreuer' deutete, zeugt nur für die Weltfremdheit dieser beiden hebräischen Schriftsteller; ein gnädiges Lächeln des Ministers genügte, um sie zu verblenden. Sie sahen für die Juden eine glückliche Epoche heranbrechen. Es sollten besondere jüdische Schulen geschaffen werden, mit einem ganzen Apparat von Beamten, Aufsehern und Direktoren, deren höhere und besserbezahlten Sprossen sämtlich von Christen oder getauften Juden besetzt wurden; die Mittel hierzu sollten aber die Juden selber aus einer unermeßlich drückenden Koscherfleisch- und Lichtersteuer bestreiten. (Letztere sollte von jedem zu rituellen Zwecken angezündeten Licht, wie Sabbat-, Chanukka- 255

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