Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Die Juden in Rußland unter Nikolaus I.
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 257 (sequence 7)
- Language
- German
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Die Juden in Rußland unter Nikolaus I. tums veröffentlicht, in welchem er mitteilt, die Regierung habe ihn direkt aufgefordert, unter den jüdischen Massen als Missionar der orthodoxen Christenheit zu wirken, worüber er entsetzt war. Lilienthal warf schließlich, die Flinte ins Korn und ging nach Amerika, wo er einen seinen Fähigkeiten angemessenen Wirkungskreis fand. * * * Wenn die Juden über das Wohlwollen des Zaren Nikolaus L irgendwie im Zweifel waren, so brauchten sie nur den Militärdienst zu betrachten, zu dem er sie herangezogen hatte. Der Militärdienst, zumal wenn er auf breite Schichten pflichtmäßig ausgedehnt wird, bildet wohl einen der tiefsten Einschnitte im Leben der Völker. Wenn man bedenkt, wie energisch sich 1915 die Engländer der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht mitten in diesem für ihr Vaterland so furchtbaren Krieg widersetzten, wird man begreifen, wie sehr es den Juden Rußlands vor dem Waffendienst grauen mußte.1) Dabei ist nicht zu vergessen', daß die Engländer ein sportfreudiges, in allen Leibesübungen erfahrenes Volk sind, daß ihre Söhne seit jeher in allen Weltteilen Krieg zu führen gewohnt waren, daß unterernährte, schwächliche Personen bei ihnen zu den größten Seltenheiten gehören, daß jeder Engländer für sein wahres Vaterland kämpft, welches ihm alles gewährt, was er davon fordern kann, welches ihn an seinem Reichtum und an seiner Größe uneingeschränkt teilhaben läßt, daß er in der Armee ungehindert jede Stufe erklimmen kann, zu der ihn seine Fähigkeiten berechtigen, daß er nach Abdienung seiner Pflichtjahre auf eine Versorgung durch den Staat rechnen kann, daß endlich der Militärdienst ihn zu keiner wie immer gearteten Verletzung religiöser Vorschrift nötigt Beim Juden, zumal beim russischen, war von alldem just das Gegenteil der Fall. Am schwersten fiel für ihn ins Gewicht, daß er auf Jahre hinaus den heiligen x) Dieses Grauen empfanden übrigens auch andere Bevölkerungsgruppen Kußlands. So schreibt Theodor von Bernhardi: Jugenderinnerungen, I., (Leipzig 1893), 3. 96/97: „Einige Zeit darauf fand allgemeine Rekrutenaushebung statt. Die Ostseeprovinzen waren hundert Jahre lang, dem Versprechen Peters des Großen gemäß, von derselben verschont geblieben. Seit kurzem erst forderte die Regierung auch hier solche unvermeidliche Opfer. Noch war die Sache neu und es hielte schwer, den unendlichen Jammer zu schildern, der bei jeder neuen Rekrutierung durch das Land zog, die Szenen leidenschaftlicher Verzweiflung, die sich auf jedem Edelhof, in jedem Dörfchen wiederholten; die Leute wußten zum Überflusse auch noch, daß sie unmittelbar in die blutige Bewegung eines mächtigen Krieges eintreten sollten. Die Botschaft von einer neuen Rekrutierung mußte sorgfältig geheim gehalten werden, sonst wäre die gesamte jüngere Bevölkerung trotz der rauhen Jahreszeit in die Wälder entflohen." 17 257