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Der Morgen · 1927-08-01 · Heft 3 (August 1927) · p. 254

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 3 (August 1927)
Article
Die Juden in Rußland unter Nikolaus I.
Date
1927-08-01
Page
254 (sequence 4)
Language
German
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B. Segel wird ein tiefer veranlagtes Volk sich entschließen, dem Charakteristischen seines äußeren Menschen eine veränderte Gestalt zu geben- Die Haartracht der jüdischen Männer war übrigens ritualgesetzlich begründet,1) der „Scheitel" der verheirateten Frauen galt bei den Juden mindestens seit dem i5. Jahrhundert als eine Forderung fraulicher Züchtigkeit und Keuschheit Allein, Dschingis-Chan auf dem Zarenthron bewaffnete seine Polizeischergen mit Scheren und befahl, von einem bestimmten Tage an, der in jeder Stadt ein anderer war, die Juden auf der Straße abzufangen, ihnen den langen Kaftan zu kürzen und Bart und Seitenlöckchen abzuschneiden, den Frauen die Perücke vom Kopf zu reißen. Man kann sich kein besseres Mittel denken, die Juden von dem hohen Werte der russischen Kultur zu überzeugen. Für die niederen und höheren Polizeiorgane war diese Verordnung eine unerschöpfliche Quelle von Nebeneinnahmen und Belustigungen. Fast gleichzeitig beschloß Nikolaus, den Juden durch Schulen Aufklärung beizubringen. Wenn man das russische Schulwesen unter Nikolaus' Nachfolgern bis zur Revolution und darüber hinaus betrachtet, wird man leicht begreifen, wie es damit in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts aussah, als zu Lehrern ausrangierte Stallknechte und pensionierte Unteroffiziere ernannt wurden. Will man des Zaren Nikolaus Liebe zur Kultur nach ihrem wahren Werte einschätzen, so muß man bedenken, daß er die Prügelstrafe in die Schule eingeführt hat, daß er die Söhne des Nichtadeligen und der Nichfrbeamten vom Besuch der Gymnasien ausschloß und anordnete, daß die Beweise zu den geometrischen Lehrsätzen nur in den Schulen für die „besseren Kreise" vorgetragen, in den Schulen für das Volk aber die Lehrsätze ohne Beweise gelehrt werden sollten, da sonst der Pöbel übermütig werden und auch für andere Dinge Beweise fordern könnte. Nikolaus arbeitete mit aller Kraft darauf hin, den Sinn der Jugend auf die „praktischen" Wissenschaften hinzulenken, die etwas einbringen und zu nützlichen Zwecken führen. Er haßte die Geisteswissenschaften und das klassische Altertum, auch die Philosophie wie den Tod, weil von ihnen alle Verführungen zur Kritik und Revolution ausgingen. Dieser Zar empfand die ganze Welt als den großen Kerker des lieben Gottes und sich selber als dessen obersten Kerkermeister. „Der haarsträubende Unsinn und die provozierende Roheit der offiziellen Reaktion Nikolaus L haben einen pathologischen Zug. Er war von einer heuchlerischen, i) Das Rasieren des Bartes und der Schläfen ist ja schon in der Bibel verboten. 254

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