Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Die Juden in Rußland unter Nikolaus I.
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 253 (sequence 3)
- Language
- German
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Die Juden in Rußland unter Nikolaus I. inneren, den Juden verschlossenen Gouvernements zu bringen (was 1837 verboten worden war). Einer der besten Kenner Rußlands, Anatole Leroy-Beaulieu, sagte vor 4o Jahren, das Komplizierteste und Verworrenste in Rußland sei die Judengesetzgebung. Betrachtet man indessen diese wenigen von den sehr vielen nikolaitischen Judengesetzen, so ersieht man daran ein bestimmtes Programm: den Juden als solchen das Leben so sauer als möglich zu machen und sie zur Abtrünnigkeit von ihrer Religion zu veranlassen. Trotzdem mußte dieses Prinzip durchbrochen werden, so oft die Volkswirtschaft die Juden (Handwerker und Kaufleute) nicht entbehren konnte und Nutzen aus ihrer Tätigkeit und Arbeitskraft zog. Nikolaus baute gern und viel, so die ersten Eisenbahnen, viele Brücken, Paläste und dergl.; in manchen Fällen zog er jüdische Bauunternehmer heran, die große Reichtümer erwarben. Dagegen haben die plötzlichen, unvermittelten Massenaustreibungen aus den Grenzgebieten gegen Preußen und Österreich, sowie vielfache Ausweisungen jüdischer Dorfinsassen tausende und tausende Familien in Bettler verwandelt, und auf die Landstraße gebracht Die Ruinierten bildeten jahrelang eine Gefahr und eine Sorge für die Öffentlichkeit Die Ausgetriebenen wandten sich ins Innere des Ansiedlungsrayons und vermehrten dort die Anzahl der um den magersten Bissen kämpfenden Proletarier. Man kann sagen, daß dieser Zar den Grund zu der unausrottbaren Armut der Juden Rußlands gelegt hat, indem er den verhältnismäßigen Wohlstand aus der polnischen Zeit ruinierte. Was hatten dagegen die paar jüdischen Unternehmermillionäre zu bedeuten! Ein ferneres Mittel zur Ausrottung der jüdischen Religion oder des „Fanatismus" der Juden, wie man sich offiziell ausdrückte, war „die Aufklärung"; die bestand in zweierlei Dingen: in der zwangsweisen Veränderung der jüdischen Haar- und Kleidertracht und in dem Eröffnen von Schulen für jüdische Kinder. Erstere Maßregel wurde (in der ersten Hälfte der Vierziger Jahre) so durchgeführt, daß den Juden verboten wurde, von einem bestimmten Tage an, Bart und Schläfenlocken, sowie ihre traditionellen Oberkleider und den jüdischen Frauen ihre Kopfbedeckung, die Perücke, zu tragen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß jedem nicht oberflächlichen und psychologisch haltlosen Volk gerade diese Äußerlichkeiten sehr teuer sind und etwas von religiöser Heiligkeit erhalten. (Man denke an die Bedeutung der Uniform für den Soldaten und den Staatsbeamten, der Amtstracht für den Geistlichen.) Nur unter dem Einfluß starker, lange einwirkender kultureller Strömungen 253