Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Calvinismus und Judentum
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 248 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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J. V. Bredt Qalvin überhaupt dem gesetzmäßigen Leben eine viel größere Bedeutung beimißt, als die anderen Kirchen. Untrennbar vom calvinistischen Kirchenbegriff ist die Kirchenzucht Auf Grund biblischer Vorschriften regelte Calvin das ganze bürgerliche Leben der Stadt Genf, und seine Anforderungen waren wahrlich nicht gering. Die übrigen calvinistischen Kirchen haben diese strenge Zucht übernommen soweit als eben möglich, und die „puritanische Strenge und Einfachheit" ist heute noch sprichwörtlich. Auch in der reformierten Freikirche am Niederrhein spielte die Kirchenzucht eine große Rolle und noch im neunzehnten Jahrhundert sind Gemeindemitglieder vom Abendmahl zurückgewiesen worden, weil sie an einer Tanzfestlichkeit teilgenommen hatten. Die christliche Ethik bildet das Korrelat zur Prädestinationslehre, die vielleicht zu einer Erschlaffung hätte führen können. Man sagt wohl mit Recht, daß bei Luther der Gedanke der Erlösung durch den Glauben wie der Mittelpunkt im Kreise stehe, während bei Calvin die Prädestinationslehre und die Ethik zueinander stehen wie zwei Brennpunkte einer Ellipse. Diese Kirchenzucht Calvins erinnert sehr stark an das alte jüdische Gesetz. Zusammenfassend kann man sagen, daß sowohl der Calvinismus wie das Judentum aufgebaut sind auf dem Gedanken eines auserwählten Volkes. Bei Calvin handelt es sich dabei um das Volk, das Gott zur Gnade auserwählt und dann in seiner echten Kirche zusammengeführt hat Auf Grund dieser Überzeugung haben die Hugenotten in Frankreich, die Geusen in den Niederlanden, die Presbyterianer in England-Schottland ihre schweren Glaubenskämpfe durchgefochten und aller Obrigkeit zum Trotz ihre eigene rechte Kirche auf Grund der gereinigten Lehre („Puritaner") begründet Auf Grund dieser Überzeugung haben aber auch die Juden ihre Stellung in der Welt behauptet Der Calvinismus hat dabei immer einen' gewissen internationalen Charakter gehabt Der Gedanke des auserwählten Volkes ist aber nicht minder stark nur. auf der Grundlage der Religion. Nun gibt es neben diesen theologischen Berührungspunkten noch einen weiteren kulturellen, der vielleicht der interessanteste ist Das Judentum trägt fast auf der ganzen Welt einen ausgesprochen kapitalistischen Zug *) und dieser beruht nicht nur auf der historischen Entwicklung, sondern auch auf der der Welt zugewandten Religiosität Auch der Calvinismus zeigt das merfc-!) In dieser Allgemeinheit dürfte die Behauptung nur für die Juden in heutigen hoch-, kapitalistischen Ländern gelten, aber nicht für die biblische Zeit. Zur Prüfung der vorliegenden Frage sei hingewiesen auf Lujo Brentano: Die Anfänge des modernen Kapitalismus, München 1916. D. H. 248