Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Calvinismus und Judentum
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 249 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Calvinismus und Judentum würdige Bild, daß überall da, wo er sich durchsetzt, auch ein ausgesprochen kapitalistischer Zug auf produktiver (nicht merkantiler) Grundlage sich zeigt Die calvinistischen Gegenden sind überall industriell die führenden: die Niederlande, in Deutschland der Niederrhein (lange vor der Verwendung der Kohle!), in England, in Amerika, die von den Calvinisten besiedelten Gebiete zwischen Boston und Philadelphia- Der Heidelberger Nationalökonom Max Weber ist der erste gewesen, der auf diese Erscheinung hingewiesen und sie aus dem Wesen des Calvinismus erklärt hat Man erkennt den Gedankengang wohl am besten aus dem Hohenliede des Calvinismus, dem verlorenen Paradies von Milton. Hier wird geschildert, wie der Sündenfall die Menschen aus dem Paradiese vertreibt, und wie sie nun in die weite Welt hinausgeschickt werden. Dies bedeutet aber nicht, daß sie nun ins Elend hinaus müssen. Gottes Gnade ist unentwegt mit ihnen, denn die Gnadenwahl bleibt bestehen. Aber sie müssen nun das, was sie bisher im Paradiese mühelos fanden, sich selbst schaffen. Sie sollen sich die Erde Untertan machen mit dem Endziel, sie dem Paradiese möglichst ähnlich zu machen. Sie sollen die Güter der Welt hervorholen, aber sie nur benutzen zu guten Zwecken, nicht selbst sich dem Reichtum Untertan machen. So gehen die Menschen aus dem Paradiese heraus und Milton schließt sein Epos: Einige stille natürliche Tränen entfielen den Augen, Aber sie wischten sie bald von ihren Wangen. Vor ihnen Lag die ganze geraume Welt, damit sie darinnen Einen Ruheplatz sich und eine Zuflucht erwählten. Ihre Führerin war die himmlische Vorsicht So gehn sie Hand geschlossen in Hand. Mit wandernden Schritten und langsam Nahmen sie ihren einsamen Weg durch Edens Gefilde. So kommt es auch, daß bei diesen calvinistischen Kaufleuten der Gelderwerb zusammengeht mit größter Anspruchslosigkeit Der Reichtum gilt als Zeichen der Gnade Gottes, er darf darum aber auch keinen weltlichen Gelüsten dienstbar gemacht werden. Diese Weltanschauung des Calvinismus hat ihm in früheren Zeiten in den genannten Gegenden sein ganz festes äußeres Gepräge gegeben, und in den alten Kaufmannsfamilien mit dieser Tradition sind die Spuren heute noch erkennbar. Man braucht auch bloß die beiden großen Maler Rubens und Rembrandt nebeneinander zu halten, um den Unterschied zu sehen. Rubens malt in wundervoller Farbenpracht auf der Grundlage des Katholizismus seine Bilder für Fürsten und Könige. Rembrandt malt mit weniger Farben 249