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Der Morgen · 1927-08-01 · Heft 3 (August 1927) · p. 246

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 3 (August 1927)
Article
Calvinismus und Judentum
Date
1927-08-01
Page
246 (sequence 4)
Language
German
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J. V. Bredt Nun hängen diese Äußerlichkeiten enge zusammen mit der ganzen Grundanschauung des Calvinismus und auf diese wichtigste Seite der Frage ist jetzt einzugehen, obwohl damit ein sehr schwieriges Gebiet betreten wird. Der Grundgedanke des ganzen Christentiims ist das Sühneopfer Christi, „der mit seinem teuren Blute für alle meine Sünden vollkömmlich bezahlt hat" (reformierter Katechismus), und der auf diese Weise die Gnade Gottes den Menschen gebracht hat Nach katholischer Lehre wird nun die Gnade Gottes erworben durch die Vermittlung der Kirche mit ihren gnadenbringenden Sakramenten, nach lutherischer Lehre allein durch den Glauben (Römer 3, 28). Calvins Lehre ist wieder eine andere, und zwar verhält sie sich zur katholischen und lutherischen so, daß diese beiden anderen ihr gegenüber eine gewisse Einheit bilden. Calvins viel angefochtene Prädestinationslehre besagt, daß das ewige Heil des einzelnen Menschen auf einem urewigen Ratschluß Gottes beruhe, der damit eine „Gnadenwahl" vornehme. Calvin ist zu dieser Lehre gekommen auf dem einfachen Wege der Logik. Wenn Gott allmächtig und allwissend ist, dann muß er auch den Weg des einzelnen Menschen nicht nur im voraus wissen, sondern auch bestimmen; es ist nicht anzunehmen, daß der Mensch durch Vermittlung der Kirche oder durch bloßen Glauben den Willen Gottes maßgebend beeinflussen kann. Es ist eine Vorherbestimmung, die gewisse Verwandtschaft hat mit der Vorherbestimmung des Islam und dies ist dem Calvinismus in früheren Zeiten auch zur Genüge vorgeworfen worden. Er ist aber ebenso eine Lehre, die zweifellos dem Judentum näher steht als der Katholizismus und das Luthertum. Der Gott des Alten Testamentes ist der gerechte, aber auch strenge Gott; der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied, der die Gerechten annimmt und die Bösen bestraft1) Es fehlt im Alten Testamente selbstverständlich jene unmittelbare Causa der Seligkeit, wie sie im Neuen Testamente durch Christus gegeben ist Diesem Gott des Alten Testamentes steht Calvin sehr viel näher als Luther und die katholische Kirche, weil eben Calvin den Heilsratschluß Gottes für den einzelnen Menschen in die Urewigkeit zurückverlegt und im Erscheinen Christi nur das Sichtbarwerden dieses Ratschlusses erblickt *) Es sei aber auch an die Bibelstelle (Exodus 34, 6) erinnert: „Ewiger, Ewiger, Golt barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Liebe und Treue, er bewahrt die Liebe bis ins tausendste Geschlecht, er vergibt Schuld und Fehl und Sünde und läßt nicht ganz ungestraft." D. H. 246

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