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Der Morgen · 1927-08-01 · Heft 3 (August 1927) · p. 244

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 3 (August 1927)
Article
Calvinismus und Judentum
Date
1927-08-01
Page
244 (sequence 2)
Language
German
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J. V. Bredt Neuen Testamente eine andere Auslegung gegeben. In bezug auf die Messianität Jesu Christi stimmte er mit der katholischen Kirche grundsätzlich überein. Luther ist aber nicht der einzige Reformator gewesen, und wir Deutschen tun gut daran, uns zuweilen auch an die andere Reformationskirche zu erinnern: die calvinistische (reformierte). Unzweifelhaft ist Luther der Bahnbrecher gewesen für den Protestantismus der gesamten Welt Nach dem Höhepunkte seines Schaffens — i52Ö: De servo arbitrio — sehen wir aber in seiner Lehre eine gewisse Gabelung. Während die nunmehrige „lutherische" Theologie sich immer mehr auf bestimmte Lehren festlegt, schlägt Luthers weitaus größter Schüler Calvin ganz andere Bahnen ein. Und schließlich, nach des Meisters Tode, entstehen zwei Richtungen des Protestantismus, die sich leidenschaftlich bekämpfen. Während auf deutschem Boden das Luthertum geradezu den Charakter als Nationalreligion empfängt, ebenso in Schweden, erobert der Calvinismus nach seiner ersten Niederlage in Frankreich (Hugenotten) sich zuerst die Niederlande (Oranier), dann Schottland-England (Cromwell) und dann die ersten großen Niederlassungen über See in Nordamerika und Südafrika. Heute noch ist der Calvinismus unter amerikanischer Führung als Weltreligion von sehr viel größerer Bedeutung als das Luthertum, wenngleich die Idee eines Gresamt-Protestantismus sich allmählich durchzusetzen scheint Dieser Calvinismus hat dem Judentum und insbesondere dem Alten Testament gegenüber zweifellos eine andere Stellung eingenommen als das Luthertum und der Katholizismus. Allerdings kommt dies nicht zum Ausdruck in bestimmten Glaubenslehren, sondern mehr in der ganzen Art der Lehre und des Grottesdienstes. Calvin ist insofern „biblizistischer", als er dem Wortlaute der Offenbarung größere Bedeutung beimißt als Luther, bei dem der vorwärtsdrängende Glaube mehr im Mittelpunkte steht Calvins „Institutio religionis christianae", sein gewaltiges Hauptwerk, bringt unaufhörlich Belegstellen für seine Lehren aus der Schrift, und wenn hier auch begrejiflicherr weise das Neue Testament am meisten herangezogen wird, tritt doch das Alte Testament ebenbürtig daneben und in seinen Belegstellen macht Calvin offensichtlich keinen Unterschied. Auch in den eigentlich reformierten Kirchen Deutschlands (am Niederrhein und in den französisch-reformierten Kolonien) wird man daher heute noch in den Predigttexten das Alte Testament ungleich häufiger vertreten finden als in den lutherischen Gemeinden. Der Unterschied zeigt sich auch in den Zehn Geboten. Luther hat diese in seinen Katechismus übernommen, aber nicht eigentlich wörtlich, sondern in 244

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