Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1927-06-01 · Heft 2 (Juni 1927) · p. 235

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Juni 1927)
Article
[Rezension]
Date
1927-06-01
Page
235 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895470-2897822--01956-2897961
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Anzeigen und grundlegenden Probleme des Judentums und des philosophischen Denkens, die berührt werden. Ohne auf Einzelnes einzugehen, sei zusammenfassend Folgendes gesagt: In diesen Aufsätzen spiegelt sich Franz Rosenzweigs Denken und Sprechen in seiner Eigenart, einer Eigenart, die niemals leicht zu erfassen ist und die nicht immer glatte Zustimmung findet. Aber beruht denn eines Schaffens Wert und Bleibe darin, daß man sofort kopfnickend zustimmt? Man findet in den Abhandlungen die sprachschöpferische und sprachformende Kraft, die Rosen zweig eigen ist, man spürt die Tiefe der Gedanken und die Glut der Seele, die diese Gedanken trägt, sie sind nie ein Erklügeltes, kalt in ein System Gebrachtes, sie sind das Leben des Autors, ein Leben, das ganz und gar Geist ist, dem Schwergewicht der Materie enthoben; man ist entzückt über die Kraft der Einfühlung in einen anderen, dem Rosenzweig dabei doch selbständig gegenübersteht, und man ahnt, wie hier einer, der selbständig um den Sinn des Judentums gerungen hat, weil entfernt von aller Orthodoxie und allem Schematismus seine Stellung zum Gesetz gefunden und dem Gesetz eine neue Bejahung gegeben hat, eine Bejahung, die wesentlich darin liegt, daß nicht die Tat allein, das Tun schlechthin, als Sinn aufgestellt wird, sondern das Tun als Ausdruck eines Müssens, weil ein Gebot gefühlt wird, eines Müssens, das aus einem Nicht-anders-existieren-können hervorgeht, und das doch nur insoweit gilt, als man innerlich kann. Man spürt die Stärke des Temperaments, aus dem all das geboren ist. Dieses Temperament möchte man mitunter minder stürmend, es ist nicht notwendig, wenn man soviel Sachliches zu sagen' hat wie Rosenzweig und es so zu begründen vermag, die Waffe des Spotts und der Satire zu schwingen und zu ironisieren. In einer Zeit, in der Geisteskämpfe sowieso ins Persönliche entarten, sollte der Weise doppelt vorsichtig mit seinem Worte sein. Darum ist es auch schade, daß die Kritik, die Rosenzweig einst in der Zeitschrift „Der Jude" über Emil Cohns Buch „Judentum" geschrieben hat, wieder abgedruckt ist. Denn hier wurde er, obgleich er sachlich in Vielem recht hatte, von seinem Zorn über das Sachliche hinaus fortgerissen. Diese Ausstellungen aber werden nur gemacht, weil so viel des Guten und Starken in dem Ganzen ist, daß durch sie das Urteil nicht gemindert wird. Max Dienemann. „Die Juden in Prag, Bilder aus ihrer tausendjährigen Geschichte." 1927. Kommissionsverlag der Bücherstube Dr. Steindler und Bunzl-Federn, Prag, Bredovska. Brosch. Mk. 6.—, geb. Mk.8.5o. 2£7 Seiten. Die jüdische Gemeinde in Prag, eine der ältesten und bedeutendsten jüdischen Siedlungen Mitteleuropas besitzt im 20. Jahrhundert noch immer keine vollständige und historisch einwandfreie Darstellung ihres Entstehens und ihrer Entwicklung. Um diesem Mangel abzuhelfen, hat die Loge Praga des Ordens B'nei ß'rith zur Feier ihres 25jährigen Bestehens im Selbstverlag einen nach Ausstattung, Druck und Papier künstlerisch wertvollen Band herausgegeben, in dem Fachleute einzelne Epochen dieser Geschichte behandeln. Prof. Steinherz, der Ordinarius für Geschichte an der deutschen Univeristät Prag hat die wissenschaftliche Leitung des Unternehmens übernommen und hat selbst neben dem Vorwort den ersten aufschlußreichen Aufsatz „Die Einwanderung der Juden in Böhmen" geschrieben. Man lernt alle kritischen Schwierigkeiten der Quellenforschung kennen, wobei man mit Erstaunen feststellen muß, wie wenig die nach Böhmen verschlagenen Juden jenen historischen Sinn betätigten, der an der eignen Vergangenheit und der der Vorfahren interessiert ist. Steinherz kommt zu dem Ergebnis, daß im g. Jahrhundert die älteste jüdische Ansiedlung in Prag aus dem Westen (Deutschland) und dem Osten (Ungarn und byzantinisches Reich) begründet worden ist. Dr. Anton Blaschka gibt einen fesselnden Beitrag: „Die jüdische Gemeinde zu Ausgang des Mittelalters". Die Hussitenkriege verschlechtern die rechtliche Stellung der Juden. Der Arbeit ist ein Anhang des Prager Burggrafenamtes hinzugefügt. Professor S. H. Liebens Aufsatz: „Der hebräische Buchdruck in Prag im sechzehnten Jahrhundert" knüpft an die Arbeiten von Zunz und Steinschneider an. Wie die Buchdruckerkunst — sie wird die „heilige Arbeit" genannt — von den Juden geschätzt wird, kommt in den Worten zum Ausdruck, die ihr der Prager Chronist David Göns in seiner i5ga erschienenen Chronik widmet: „Die Buchdruckerei wurde zu Mainz von Johann Gutenberg aus Straßburg erfunden, im ersten Jahre des frommen Kaiser Friedrich, im Jahre 5aoo 235

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.