Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 234 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Anzeigen Franz Rosenzweig: Zweistromland. Berlin 1926. Philo-Verlag. 278 Seilen. Eine Sammlung der wichtigsten zwischen 1914 und 1925 geschriebenen Abhandlungen des bekannten Philosophen und Übersetzer. Sie erschienen teils in Broschürenform teils als Zeitschriftenaufsätze, waren zumeist als programmatische Verkündigung bestimmter Gedanken und Forderungen gedacht. Solche Aufsätze unterliegen leicht der Gefahr des Vergessenwerdens, sind nur mit Schwierigkeiten, oft gar nicht mehr auffindbar; ihre Vereinigung in einem Bande bannt nach Kräften diese Gefahr; zugleich ersteht so das Bild der Persönlichkeit, die hinter dem Gedanken steht, schärfer umrissen. Und Franz Rosenzweig gehört ja zu den eigenartigsten und ausgeprägtesten Gestalten des heutigen wiederaufblühen-, den Judentums. Der Titel „Zweistromland" ist doppeldeutig, er kann auf die zwei Ströme hindeuten, aus denen diese Abhandlungen zusammengeflossen sind, das philosophische Denken und das religiöse Bewußtsein, er kann auch das Judentum und die Weltkuituren unserer Gegenwart als die zwei Ströme bezeichnen, deren Zusammenfluß in den Gedanken und Worten des Autors sich vollzieht. Das Buch beginnt mit jenem Aufsatz, der Rosenzweigs Namen seinerzeit in der jüdischen Öffentlichkeit bekannt machte, in dem er den Gedanken der jüdischen Akademie, wie e r sie gestaltet wissen wollte, aussprach und ein Programm des jüdischen Religionsunterrichtes entwickelte. Mit Wehmut steht man heute, zehn Jahre nach dem ersten Erscheinen der Abhandlung, vor ihr, mit Wehmut angesichts der Erkenntnis, wie gegenwärtig und unerfüllt seine Forderungen noch immer sind. "Den Schluß des Buches bildet der im ersten Jahrgang dea „Morgen" abgedruckte Aufsatz „Das neu« Denken", der eine Anleitung zum Verständnis von Rosenzweigs „Stern der Erlösung** ist, und der mit besonderem Nachdruck den Sinn des „neuen Denkens" umschreibt. Von den in dem Buch gesammelten Aufsätzen, seien, ohne damit etwa die anderen als minderen Wertes zurückzusetzen, besonders hervorgehoben die Einführung in Hermann Cohens Jüdische Schriften und die Auseinandersetzung über die Methode des Übersetzens. Die Einführung in Hermann Cohens Jüdische Schriften ist, in der Knappheit und Übersichtlichkeit der Darstellung, wohl das beste, was je über Hermann Cohen geschrieben worden ist, geschöpft aus der Kenntnis nicht nur des Werkes, sondern auch der Persönlichkeit Hermann Cohens und geschmückt mit Beobachtungen aus dem persönlichen Verkehr mit ihm; auch sie wächst über eine Einleitung zu den kleinen Schriften Hermann Cohens hinaus und ist zu einem guten Teile auch Einführung in das Verständnis des größeren Werkes, der „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums". Die Auseinandersetzung über die Kunst des Übersetzens ist besonders wichtig, weil hier nicht nur die Grundsätze entwickelt sind, nach denen Rosenzweig den Jehuda Halevi übersetzt hat, sondern weil von hier auch Licht auf das größere, wichtigere, in der Ausführung befindliche Werk fällt: die Bibelübersetzung. Es ist unmöglich, bei einem so vielseitigen und von bestimmter Eigenart getragenen Schaffen wie das Franz Rosenzweigs zu den vielen in diesen Abhandlungen berührten Themen Stellung zu nehmen, sei es zustimmend sei es kritisch; das hieße zugleich das ganze Werk ausschreiben, und es sind die lebendigsten 234